In Frankreich eskaliert Jugendgewalt, besonders in benachteiligten Pariser Vororten: Rivalisierende Gangs führen Revierkämpfe um die „Ehre“ ihres Viertels und setzen zunehmend Messer, Schlagringe mit Klingen, Hämmer, Pfefferspray und Feuerwerkskörper ein. Laut Polizei sind Messer die häufigste Todesursache bei jungen Menschen; in einem Jahr wurden 14 Teenager erstochen. Die Polizei reagiert mit Präsenz, Sondereinheiten, Schul-Taschenkontrollen und Aufklärung, etwa durch Gefängniszellensimulationen. Gewalt ist nicht nur in Großstadtslums: Im ländlichen Nojean tötete ein 14-jähriger Schüler eine Lehrkraft. Treiber sind soziale Medien, Machokultur, fehlende Perspektiven und Rachedenken. Betroffene Mütter demonstrieren für Versöhnung und mehr staatliche Hilfe. Kritisch bleibt: Repression und Prävention allein lösen keine strukturellen Ursachen wie Armut und Ausgrenzung.
📜 Transkript
Ein Polizeieinsatz am Rande von Paris. Frankreich hat ein Problem mit Jugendgewalt. [schreien] Schau, das sind wir. Wir machen sie richtig fertig. Rivalitäten werden nicht mehr nur mit Fäusten ausgetragen. Jetzt dienen auch Feuerwerksböller als Waffen und immer wieder Messer. Sie sind die größte Gefahr bei Streitereien zwischen Jugendlichen. Dein Gegner könnte mit einem Messer unterwegs sein und wenn wir nichts dabei haben, hat er bessere Chancen. In einem Jahr gab es in Frankreich 14 erstochene Teenager. Die sichergestellten Waffen gleichen einem Arsenal des Schreckens. Dieser Schlagring hat hier noch Klingen. Man kann sich vorstellen, was der anrichten kann. Ein Leben spielt keine Rolle mehr für die Jungen. Immer mehr Jugendliche haben ein Messer dabei und sind bereit, es im Zweifel auch einzusetzen. Die Polizei versucht [musik] es mit Aufklärung. Heute sind Messer die Waffe, die in Frankreich die meisten jungen Leute tötet. Sie prügeln, treten und stechen zu. Grund für die Gewalt sind häufig Revierkämpfe zwischen Jugendbanden. Es geht darum, die Ehre des eigenen Viertels zu verteidigen. Die Kids aus dem anderen Stadtteil dürfen hier nicht herkommen. Wenn sie auftauchen, gibt es Ärger. R. In manchen Brennpunkten hat die Polizei Sondereinheiten gebildet, um verfeindete Gangs voneinander fernzuhalten. Hallo Polizeikontrolle. Habt ihr scharfe Gegenstände oder Drogen dabei? Da war definitiv ein Kampf geplant. Wenn Teenager zu Tätern werden, Frankreich und sein Problem mit Messerangriffen. Das Departementson liegt 30 km südlich von Paris. Es ist einer der Brennpunkte, wenn es um Gewalt zwischen Jugendgangs geht. Heute will die Polizei mit Präsenz dagegen vorgehen. GSP GSP Tross Alpha, kannst du die Position wiederholen? Eine Gruppe Jugendlicher soll sich verdächtig verhalten haben. Die Kamera hat sie. 20 Leute wohl auf dem Weg zu einer anderen Gang. Mach Platz, Idiot. Die Teenager aus Saint Genevis liegen im Clinch mit Gleichaltrigen aus den Nachbarorten. Da. Sie laufen weg. Sie laufen weg. Ich laufe die Rüde Langerie runter. Die Jugendlichen nehmen lieber Reis aus. Bleib stehen. Bleib stehen. Der junge Mann ist schneller. schon zum Supermarkt. Ich hätte dran bleiben müssen. Damit habe ich nicht gerechnet. Da sind sie. Kollegen haben ein paar der Jugendlichen bereits erwischt. Das sind aber nicht unsere. Das können die anderen erledigen. Die Streife sucht weiter. Es waren noch mehr Kids unterwegs. Da laufen sie. Los, los, die holen wir uns. Bleib stehen. Steig wieder ein. Der macht gleich schlapp. Den kriegen wir. Der gibt vor uns auf. Gegen so viele Polizisten hat der Junge dann doch keine Chance. Warum haust du ab? Was hattet ihr vor? Ich habe nur auf den Bus gewartet. Unsere Kollegen überprüfen gerade zehn von euch und wir haben auch so viele. Ich habe nur auf den Bus gewartet. Warum läufst du weg, wenn die Polizei kommt? 20 von euch sind abgehauen, als wir Stopp gerufen haben. Keine Ahnung. Erklär es mir. Ich weiß nicht. Sie machen mir Angst. Wenn ihr was vorhatet, sag es besser. Ich weiß nichts. Dann hält ein Bus mit interessanten Fahrgästen. Sie sind hier. Hier steht ein Böller. Ich weiß nichts darüber. Ganz zufällig. Keine Ahnung. Die jungen Leute waren offenbar nicht auf einem harmlosen Ausflug. Wofür ist das? Feuerwerk, ein üblicher Feuerwerkskörper. Damit wird auf die Polizei oder auf andere Gangs geschossen. Bei Auseinandersetzungen zwischen Jugendbanden werden oft Böller eingesetzt. Sie sind nicht zielgenau, können aber sehr gefährlich sein und Verbrennungen oder Verletzungen der Augen verursachen. Wem gehört das? Ist das deins? Es ist ganz einfach. Er stand direkt neben dir, also ist es deins. Oder du hast gesehen, wer es dahin getan hat. Warum soll ich das gesehen haben? Weil du Augen hast, so wie ich. Ja, aber ich habe mich umgedreht. Ach so, du hast dich also umgedreht. Der Junge bestreitet weiter, dass es sein Böller ist. Bei dem nächsten Fund ist das schon schwieriger. Warum hast du das in der Tasche? Ich habe dir nur aufgehoben. Wozu? Ich weiß es nicht. Doch, du weißt das ganz genau. Ich habe ihn nur gefunden. Du wolltest dich damit verteidigen. Nein. Ah, du hast es gefunden. Aber es ist Nagel neu. Rund 20 Jugendliche werden festgenommen. Ihre Absichten ziemlich eindeutig. Es war definitiv eine Schlägerei geplant. Einer aus der Gruppe hat das halb zugegeben, als er uns sagte, dass sie in die Nachbarstadt fahren wollten, um sich zu prügeln. Daher auch die Waffen, die sie bei sich trugen oder in der Nähe hatten. Also, du kommst mit, der Nothammer auch. Der lag im Gebüsch. Das kannst du vor Gericht erzählen und deinen Eltern auch. Und du kommst auch mit und erklärst das hier. Der Einsatz bleibt nicht unbemerkt. Komm schon, Junge. Das ist hier keine Show. Geh. Weitere Jugendliche tauchen auf. Macht schon los. zieht Leine. Die Vernehmung findet auf der Wache statt. Diesmal ist die Polizei wahrscheinlich gerade noch rechtzeitig gekommen. Wir waren da, bevor die Action losging. Mit den Waffen hätten sie ernsthaft Schaden anrichten können. Selbst so ein Nothammer kann tödlich sein, wenn man nur oft genug zuschlägt. Die Kids aus Saint Geneview wollten vermutlich in den Nachbarort Saint Michel Surange. Auch hier sind Beamte im Dauereinsatz, heute in Form einer Zivilstreife. Johanne ist einer von ihnen. Er ist hier aufgewachsen und arbeitet seit 17 Jahren als Polizist, mittlerweile als Teamleiter seiner Einheit. Als ich anfing, gingen die jungen Leute zum Kämpfen in ein anderes Viertel und nahmen dabei mit, was sie irgendwo unterwegs gefunden haben. Heute sind sie besser vorbereitet. Sie haben Messer, Pfefferspray, Nothämmer und Hämmer dabei. Inzwischen sind es 12 bis 14-jährige, die wir festnehmen. Wir machen jetzt erst einmal eine kleine Runde, um zu sehen, ob vor den Schulen Gruppen rumlungern. ist auch die Nikon nicht lange und sie entdecken die erste. Guten Morgen, meine Herren. Polizeikontrolle. Keine scharfen Gegenstände oder Drogen dabei? Nein, überhaupt nichts. Ich komme gerade aus der Schule. Nichts gefährliches? Neimmt die Hände aus den Taschen. Wir werden euch abtasten. Zu den Kämpfen zwischen Gangs geben sich die Jungs ahnungslos. Stimmt es, dass ich die einzelnen Viertel hier bekriegen? Das stimmt nicht. Es gibt ab und zu bisschen Ärger, aber das sollen die andere sagen. Ist mir neu. Das gibt es nur in Rapvos. Ich wusste nicht, dass es das wirklich gibt. Wir haben nichts damit zu tun. Tatsächlich wissen Sie ganz genau, worum es geht. Das ist definitiv die Bande, die Ergem de Bois hat. Einer von denen hat schon mal einen Schuss ins Bein bekommen. Es ist ein Revierkampf. Es geht darum, wer der Stärkste ist und welches Viertel den besten Ruf hat. Aber sie wollen es nicht kapieren, obwohl sie vor ein paar Jahren sogar einen Freund verloren haben. Damals starb ein 19-Jähriger nach einer Massenschlägerei an seinen schweren Verletzungen. Wie brutal die Kämpfe sein können, davon zeugen auch Waffen, die in den vergangenen Monaten beschlagnahmt wurden. Auf dem Tisch liegen improvisierte Waffen und Stichwaffen, die wir bei Bankenkämpfen gefunden haben. Hier ist z.B. ein Baseballschläger mit Nägeln hier oben. Damit kann man großen Schaden anrichten. Das sind Feuerwerkskörper. Sie werden immer öfter von Jugendlichen gegenseitig oder gegen die Polizei eingesetzt. Sie können Verbrennungen im Gesicht verursachen oder das Trommelfeld dauerhaft schädigen. Hier ist ein Schlagring und hier ein besonderer mit Klingen an jeder Seite. Man kann sich vorstellen, welchen Schaden man damit anrichten kann. Ein Messer im Rambil. Solche sehen wir ziemlich oft. Im Grunde nehmen sie alles, was sie zu Hause finden. Z.B. ein Küchenmesser. Wenn wir junge Leute mit so etwas festnehmen, ist ihnen die Gefahr nicht bewusst, die das Mitführen solcher Gegenstände mit sich bringt. Wir haben das Gefühl, dass das Leben für diese jungen Leute keinen Wert hat. Sie sind bereit wegen eines Blicks oder einer Provokation auf Social Media zu töten. Es ist ihnen völlig egal, jemandem das Leben zu nehmen. [räuspern] Zurück nach Saint Genev de Bois. Die Jugendlichen, die die Beamten am Morgen aufgegriffen hatten, landen hier auf der Polizeistation. Alle sind zwischen 14 und 17 Jahren alt. Du kommst aus Fluri. Was machst du dann hier? Furi Merogie ist ein Nachbarort. Er möchte gerne im reichen 16. Arandism wohnen in einem schicken Gebäude. Wie alt bist du? 17. 17. Okay. Du wirst in Untersuchungshaft genommen. Da du minderjährig bist, bekommst du einen Pflichtverteidiger. Ich brauche die Kontaktdaten deiner Mutter oder deines Vaters. Hast du eine Telefonnummer? Der nächste. Du wirst wegen derselben Straftaten in Polizei gewahrsam genommen. Bewaffnete Versammlung mit der Absicht, ein Verbrechen oder eine Straftat zu begehen. Willst du einen Arzt? Arzt, ja. Anwalt? Ja. Mama, ja. Es drohen bis zu einem Jahr Gefängnis bzw. eine Geldstrafe von bis zu 15 000 €. Guten Tag, Madame. Hier ist die Polizeiwache von Sergen Genev de Bois. Hallo, wir haben ihren Sohn festgenommen. Er war Teil einer Gruppe, die gerade dabei war, eine Schlägerei anzuzetteln. Bei ihm wurde ein Nothammer gefunden. Das ist illegaler Waffenbesitz. Ein Nothammer? Ich habe ihn gerade angerufen, damit er zum Supermarkt geht. Zum Supermarkt wird er leider nicht gehen können. Er ist auf der Polizeiwache. Wir melden uns später mit weiteren Angaben. Einen schönen Abend noch. Der Tag endet für die Jungs definitiv anders als erwartet. Gürtel, Ring, Kette, Uhr. Nimm alles ab. Sicher, dass du sonst nichts mehr hast? Die Nacht verbringen die sieben Teenager erstmal in einer Zelle. Am nächsten Morgen werden sie einem Jugendrichter vorgeführt, der dann entscheidet, was mit ihnen passiert. Diese Jungs sind 14, 15 und 16. Sie stammen aus Seni, nördlich von Paris. Das ist ein Opinell, ein Klappmesser mit in France, eigentlich für Camping oder Küche. Einer von uns hat immer eins dabei. Warum? Weil immer was passieren kann, wenn man abhauen muss oder noch eine Rechnung offen hat. Man kann jederzeit auf Feinde stoßen, dann muss man bereit sein. Du klappst es zu und steckst es ein. Damit wirst du nicht erwischt. Ein Messer passt in die Tasche, ganz unauffällig, aber du kannst damit jede Menge anrichten. [musik] Laut Polizeistatistik waren Messer im vergangenen Jahr die am häufigsten verwendete Waffe von Jugendgangs. Das soll sie fertig machen, ihnen Angst einjagen. Na ja, es soll Stress machen, dann hören die anderen auf rumzunerven. Rumnerven, ein anderes Wort für Streituchen mit Rivalen. Wenn die anderen Messer haben und wir nur unsere Fäuste, haben sie mehr Chancen uns zu besiegen. Es geht nicht mehr nur ums Gewinnen, sondern darum, dem anderen möglichst großen Schaden zuzufügen. Ortswechsel zurück ins Department. Bonjour. Guten Morgen. Wie geht's? Ein Einsatz, der noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Heute morgen führen wir an der Schule in Seneviev de Mois eine Kontrolle durch. Wir durchsuchen die Taschen und Beschlagnahmen alles, was wir finden. Messer, Drogen. Guten Morgen. Seit einem Jahr finden die Aktionen einmal pro Woche an einer der Schulen im Departement statt. Okay, vielen Dank. Wir möchten ihre Tasche sehen. Ich gehe aber nicht rein. Wir müssen trotzdem schauen. Haben Sie etwas gefährliches dabei? Nein, ich bin nur Schüler. Könnt ihr bitte rüberkommen? Keine Angst, wir beißen nicht. Es ist schon möglich, dass wir Messer oder andere illegale Dinge finden, die nicht in die Schule gehören. Danke. Alles in Ordnung. Die Kontrollen sind Teil eines Antigewaltplans, der in Esson durchgesetzt wird. Voriges Jahr kam es zu einer Abrechnung zwischen Schülern. Einer wurde mit einem Hammer angegriffen, da an der Bushaltestelle. In Klish sind die Hochhausviertel von Shantu und Lebus für ihre Jugendgangs [musik] berühmt berüchtigt. Wir treffen noch einmal auf Bries, Xavier und Oma. Die vier Teenager gehören zur Shap T Bande. Sie sind ständig auf der Hut und gleichzeitig stolz auf ihren Kleinkrieg mit den Gegnern. Das hier ist die Shang. Schau, wie böse wir sein können. Xavier zeigt uns das Video einer Schlägerei aus dem vergangenen Jahr. Die Feinde an diesem Tag Jugendlicher aus dem Nachbarviertel. Wir haben sie fertig gemacht. Guck dir das an. Das sind wir. Wir machen sie überall platt. Wen greift ihr an? Die Typen aus Lebosk. Was genau habt ihr gemacht? Wir haben gegen sie gekämpft. Das war an der Grenze. Wir haben krass zugeschlagen, alles gemacht. Es ist das Ghetto, verstehst du? Das ist Chan. Die Aufnahmen dienen als Trophäen. Ins Internet gestellt machen sie den unterlegenen Gegner ein zweites Mal fertig. Auf die Frage, warum diese Gewalt haben die Jungs keine Antwort. Sie wissen gar nicht, wie der Zwist mit Lebusket überhaupt angefangen hat. Unsere älteren Brüder haben schon gegen sie gekämpft. Bei mir fing es mit 15 an. Sie haben uns angemacht und so ging das immer weiter. Kleinigkeiten führen dazu, dass sich die Gewaltspirale weiterdreht mit absurden Rechtfertigungen. Es geht um Ehre. Ehre. Jeder Kampf verschafft dir Respekt. Den muss man sich hier verdienen. Ansonsten bist du nur ein Loser. Die Angst davor als Verlierer dazustehen, [musik] nicht männlich genug zu sein, treibt die Teenager an. Ich bin bereit mit allen Waffen zu kämpfen, um sie auszuschalten. Ein böser Blick, ein falsches Wort und es geht ab. Selbst wenn wir ihn am Boden liegen lassen, wir schlagen sie krankenhausreif. Es wird nie aufhören. So lange bis die anderen aufgeben. Wir werden nie aufgeben. Aber träumst du nicht von einem anderen Leben? Wenn mein Leben so enden soll, dann wird es so enden. Halbstarkes Macho Gehabe. Oft führt es dazu, dass sie die falschen Entscheidungen treffen. Schlechte Aussichten für [musik] die junge Generation in den Sozialbauten von Klis Subois. Dieser ältere Bruder eines Bandenmitglieds hat all das schon hinter sich. Das ist die Grenze. Hier verläuft sie den Weg entlang von dort am Ende der Reihe bis hierher. Das ist die Linie. Für die Kids aus dem anderen Viertel ist es ab hier verboten. Wenn sie auftauchen, gibt es Ärger. Auch er hat sich hier auf der Grenze zwischen [musik] Shanpentu und Lebusque an Schlägereien beteiligt. Für ihn das normalste Welt. In dem Alter habe ich es für eine gute Sache gehalten. Ich habe mein Viertel verteidigt. Die Videos waren cool. Inzwischen weiß ich, dass es Zeitverschwendung war. Ich bin erwachsen und habe alles hinter mir gelassen. Das habe ich erst mit der Zeit kapiert. Damals hat es mir Spaß gemacht. Klishi Sub zählt zu den ärmsten Kommunen in ganz Frankreich. Für viele Jugendliche ist die Gang das einzige, das ihnen Halt bietet. Doch manchmal enden Konflikte zwischen Teenagern in einer Tragödie. Aua [musik] Lia musste das erleben. Jede Woche kommt sie auf den Friedhof vom Panton. Guten Morgen, Ismael. Hier ist deine Mama. Ich wollte dir hallo sagen. Deine Tante Isabelle ist auch da. Ismael war 15, als er starb erstochen in Paris. Seine Mutter wird diesen Tag ihr Leben lang nicht vergessen. Ismael starb am 13. Januar 2018 in Laroet nach einer Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen aus Lorque und Larouet. Als er sich einmischte, wurde er in den Rücken gestochen. Menschen sollten nicht einfach so auf der Straße sterben. Das ist nicht richtig. Das ist ihr Sohn. Hier ist er in einem Musikvideo zu sehen, dass er mit seinen Freunden vom Jugendzentrum in Loket gedriet hat. Als es zu der Schlägerei kam, soll Ismael versucht haben zu schlichten und [räuspern] wurde dabei selbst angegriffen. Zu sterben nur weil ein anderer Junge auf ihn eingestochen hat, ist einfach nicht hinnehmbar. So etwas darf nicht passieren. Das ist der andere Junge. Er stammt aus Lerikette im 19. Arrondissement. Die Jugendlichen dort sind seit Jahren mit denen aus Larokette verfeindet. Für den Angriff auf Ismael bekommt der Täter 5 Jahre. In Haft provoziert er weiter mit Musikclips. In dem Rap geht es genau um die Tat, die er begangen hat. Ich hatte Phasen der Wut, der Verzweiflung, der Schuldgefühle. All das habe ich durchlebt. Ich habe es ertragen und ausgehalten. Ich versuche [räuspern] jetzt stark zu sein, auf junge Menschen zuzugehen, mit ihnen zu sprechen. Jedes Mal, wenn einer scheitert, bin ich traurig. Sehr traurig. Okay, alles erledigt. Gehen wir. Garch Legones gehört ebenfalls zu den [musik] sozial schwachen Vororten im Großraum Paris. Es ist die Heimat von Adam Kamara. Auch seine Jugend war geprägt von Gewalt und Gegengewalt. Wir laufen gerade durch La Martin. Hier bin ich aufgewachsen. 2011 wird sein jüngerer Bruder während eines Streits mit einem Messer angegriffen. Nach dem brutalen Mord an meinem Bruder Sadar getötet mit einem Messer, folgte für uns eine schreckliche Realität. Wir waren eine am Boden zerstörte Familie voller Trauer, aber vor allem war da der Wunsch nach Rache. Adama beschafft sich eine Waffe zu allem bereit. Ich fuhr mit einem Freund des Viertel, da sah ich den älteren Bruder desjenigen, der meinen Bruder getötet hatte. Er stand da drüben. Ich sagte zu meinem Freund, er sollle bremsen und er öffnete sofort das Feuer. Adama verletzt einen von ihnen schwer. Er wird geschnappt und zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Aus dem Knast entlassen beschließt er etwas gegen die Gewalt zu unternehmen. Seither er durch Frankreich und besucht Schulen. Los, beeilt euch. Lasst uns loslegen, wir wollen anfangen. Adama will aufräumen mit dem Mythos, dass der Knast cool ist. Wer hat schon mal ein Video aus einem Gefängnis gesehen? Okay, alle. Wenn man sowas sieht, hat man den Eindruck, Knast sei ein Kinderspiel. Im Internet kursieren Videos wie diese, in denen junge Häftlinge posen wie Gangster. Dass die Realität anders aussieht, zeigt Adama den Schülern in seiner mobilen Zelle. Vorsicht, kommt jeweils fünf. Erste Gruppe 1 2 Schaut euch um. Es ist heiß und klein. Das ist die Größe einer Zelle. Die Küche ist hier vor euch. Das ist der Herz. Es gibt nichts für die Hygiene. Kochen ist auch schwer. Könnt ihr euch vorstellen hier drin 22 Stunden am Tag zu leben? Die Decken sind nicht so die kratzen. Ja, das sind Gefängnisdecken. Das schockt ein. Deshalb setze ich mich für Prävention ein und zeige, wie eine Zelle wirklich aussieht. Das ist nicht wie auf Snapchat oder Social Media. Da wirkt alles größer. Die Realität ist anders. Die nachgebaute Zelle macht Eindruck auf die Kinder. Doch selbst bei den Jungen spielen Begriffe wie Rache schon eine Rolle. Wer wäre bereit seinen Freund zu rechen, wenn er morgen getötet werden würde? Hast du das Gefühl, du müsstest Rache üben? Warum nur so gibt es Gerechtigkeit? Gerechtigkeit? Ja. Du bist kein echter Kumpel, wenn du keine Rache nimmst. Du wächst mit ihm auf und wenn sie ihn töten und du keine Rache nimmst, du bist also verpflichtet ihn zu rechen. Ja, Gerechtigkeit ist nichts, was wir selbst bestimmen. Ich habe getan, was ich tun musste, aber letztendlich habe ich mehr verloren als gewonnen. Adama fährt durch ganz Frankreich, spricht an Schulen in Brennpunkten. Jugend, kommt aber nicht nur in sozial schwächeren Vierteln vor. Es gibt auch Fälle an Orten, wo die Welt angeblich noch in Ordnung ist. Nojin, [musik] eine dreieinhalb Einwohnergemeinde im Departement Ort MN. Hier ereignet sich im vergangenen Sommer ein tödlicher Angriff. Morgens um KZ vor der Mittelschule [musik] wird die 31-jährige Lehrassistentin Melanie von einem Schüler niedergestochen, [musik] als die Polizei gerade eine Taschenkontrolle durchführt. Ivan [musik] ist Melanis Stiefsohn. Er kann nicht begreifen, was passiert ist. Sie war meine Stiefmutter und hat meinen kleinen Bruder groß gezogen. Jetzt ist sie nicht mehr da. Die Bluttat sorgt landesweit für Schlagzeilen. In dem ansonsten so ruhigen kleinen Ort reagieren die Menschen mit Entsetzen. Sie war ein unglaublicher Mensch, eine wundervolle Frau und Stiefmutter, eine tolle Lebensgefährtin für meinen Vater. Sie stand morgens voller Freude auf, um zur Arbeit zu gehen. Wir sind hier auf dem Land. Man fühlt sicher vor dieser Art von Gewalt. Wir sind es eher gewohnt, so etwas in Großstädten oder anderswo zu sehen, aber hier war es ein Schock und jetzt ist meine Stiefmutter tot. Seine Stiefmutter war wohl kein zufälliges Opfer. Der Täter, ein 14-jähriger Schüler, soll sie gezielt attackiert haben. Diese Jungs sind seine Klassenkameraden und mussten die Tat miterleben. Wir haben vor der Schule gewartet und ich zeigte Melanie, die damals Aufsicht hatte, mein Schulheft. Dann sah ich, wie Quentin ein Messer zog und auf Melanie einstechen wollte, aber sie konnte ausweichen. Er traf sie am Ohr. Sie rannte in meine Richtung. Er stach ihr in den Rücken, die Schulter und die Rippen. Sie fiel vor mir auf den Boden. Dann sagte Kartan: "Wer ist der Beste? Wer ist jetzt der Stärkste?" Dann lachte er, aber gleichzeitig guckte er leer und unglücklich, als wäre ihm klar geworden, was er getan hatte. In meinem Kopf ist es immer noch wie ein böser Traum. Ich kann nicht glauben, dass es wahr ist. Dies ist [musik] einer der besten Freunde des Täters. Er berichtet, dass dem Angriff wohl ein Vorfall mit einer anderen Aufsichtsperson vorangegangen war. Am Freitagnachmittag umarmte er seine Freundin, als die damalige Aufsicht eine Bemerkung machte, die er als Spott auffasste. Er nahm ihr das Übel. Er sagte nichts, aber man merkte, dass er wütend war. Er meinte, dass ihn das richtig auf die Palme gebracht hat. Meiner Meinung nach war das der Auslöser. Auf WhatsApp hat er später geschrieben, ich bin ein bisschen verrückt und habe viel Hass. Als ich das sah, dachte ich, er hätte es als Scherz gemeint. Zuvor war der neun Pler nie aufgefallen, war sogar im Antimobbing Team der [musik] Schule. Woher kam diese Aggression? Serge Ees ist Jugendpsychiater. Er sieht einen Zusammenhang mit der Internetnutzung. Wir erleben heute immer mehr Morde und Messerangriffe durch junge Menschen und wir suchen nach Gründen dafür. Wir verstehen es nicht. Sie haben Familien, denen es gut geht. Sie gehen zur Schule, haben keine schlechten Noten, sind nicht sozial benachteiligt und doch begehen sie diese Taten. Und das einzige, was wir sehen können, ist die zunehmende und auch süchtig machende Bildschirmzeit, die sie von der Realität abkoppelt. Es gibt immer mehr Studien, die einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der vor Bildschirmen verbrachten Stunden und Symptomen wie Angst, Depressionen und Wut aufzeigen. Demnächst beginnt der Prozess gegen den Täter. [musik] Trotz seines jungen Alters drohen ihm 20 Jahre Haft wegen Mordes an der jungen Lehrkraft Melanie. Um Tragödien wie in zu verhindern, setzt Frankreich auf Prävention. Schulen, Polizei und andere Behörden machen dabei mit. Sondra ist Kommissarin in San Genevis. Sie hat viel Erfahrung, wenn es um die verschiedenen Erscheinungsformen von Jugendgewalt geht. Allez, bonjour. geht rein. Bon, guten Morgen. Bonjour. Bonjour. Heute besucht sie eine Brennpunktschule in St. Michelange. In diesem Viertel haben viele junge Leute damit zu tun, mehr als man denkt. Die Gewalt wird von Generation zu Generation weitergegeben. Das Viertel ist stark betroffen. Man hat hier viel durchgemacht. Doch jetzt wollen sie keine Opfer mehr sein. Sie kämpfen um die Ehre des Viertels. Leute, kommt schon. Wir reden heute über ein Thema, das ihr kennt. Auseinandersetzung. Heutzutage sind Messer die Waffen, durch die in Frankreich die meisten jungen Menschen ums Leben kommen. Keine Schusswaffen. Wofür werden Messer benutzt? um zuzustech zuzustech Narben hinterlassen, die dein Leben lang bleiben und dich daran erinnern, dass du in diesem Moment schwächer als andere warst. Soziale Medien spielen bei Konflikten längst eine wichtige Rolle. Ein falsches Wort, ein Foto auf Snapchat oder TikTok können schon ausreichen. Warum meint ihr sind soziale Medien wichtig? Informationen verbreiten. Informationen, die werden viel schneller weitergegeben. Eine Falle stellen, Falle stellen, aber noch mehr als das. Videos teilen. Man kann den Hinterhalt live zeigen. Leute bestehlen. Was ist der Sinn von Social Media, wenn man etwas stielt? Man filmt es. Filmen und Posten und posten. Ein wichtiger Teil der Lehrstunde, Konsequenzen aufzeigen. Immer mehr private Unternehmen haben Zugriff auf Strafregister und sogar einige Sportscouts sehen sich die mittlerweile an. Selbst bei Praktiker in der neunen Klasse prüfen Firmen das Strafregister. All eure Dummheiten können ein Leben lang Folgen haben. Ihr habt die Karten in der Hand. Es liegt an euch das Beste daraus zu machen. Selbst wenn ihre Message heute nur einen Schüler erreicht, wäre das schon ein Erfolg. Zurück nach Paris. Hier hat eine Mutter den Schmerz über den Tod ihres Kindes in etwas Neues [musik] verwandelt. In Engagement. Ihr Name Aua Diabat. Leg alles hier ab. Sie macht das Thema Gewalt von Jugendbanden öffentlich. Jedes Jahr organisiert sie mit anderen betroffenen Müttern einen Protestmarsch. Die Jungen hinter mir kommen aus dem 20. 19. oder 18. Arrondissement. Ich wollte, dass sie gemeinsam demonstrieren. Selbst die, die sich am meisten hassen, sind heute hier. Damit haben wir viel erreicht. Die Angehörigen demonstrieren auch für mehr Unterstützung seitens des Staates, gerade in den Vierteln, in denen jugendliche sozial benachteiligt sind. Aua sieht sich auf einem guten Weg. Seit Ismaels Tod gab es keine Schlägereien mehr bei uns, weil gute Arbeit geleistet wurde und weil die Jugendlichen verstehen, dass sie selbst zum Frieden im Viertel beitragen müssen. Während des Marsches kommt es zu einer besonderen Begegnung. Hi. Hallo. Hallo. Danke. Die Tragödie um ihr Kind verbindet sie mit dieser Frau. Sie ist die Mutter des Jungen, der meinen Sohn getötet hat. Ich finde es beeindruckend, dass sie hier ist. Sie kommt und kämpft für alle Kinder in Paris. Es ist nicht leicht für sie, aber sie besteht darauf an unserer Seite zu sein. Vielen Dank, dass Sie extra gekommen sind, um uns zu unterstützen. Die Frauen wollen weiter demonstrieren. Grund genug gibt es allein. In den Vorstädten im Nordosten von Paris registrierte die Polizei in einem Jahr 300 Bandenschlägereien. Nicht nur auf der Demo, auch sonst treffen sich Aua und Kandia, deren Familien durch einen Mord zerstört wurden. Hallo, wie geht's? Hallo, gut. Sie erinnern sich noch daran, wie Sie sich kennengelernt haben im Laufe des Prozesses. Es war während der Verhandlung im Gerichtssal. Als ich sah, wie aufgelöst sie war, bin ich zu ihr gegangen. Ich weiß noch, an dem Tag ist sie zusammengebrochen. Wir haben beide geweint. Es war so schwer. Es tat mir so leid für sie. Ich konnte mit ihr fühlen. Ismael ist 15, als er bei einer Schlägerei schlichten will und dafür erstochen wird. Der Täter zeigt keine Reue, brüstet sich mit dem Mord aus der Haft mit provozierenden Videoclips. Seine Mutter ahnt von all dem nichts. Die geschmacklosen Internetfilme ihres Sohnes hat sie nie gesehen. Als ich davon hörte, war ich geschockt. Ich habe ihm gesagt, dass er die Aufnahmen nicht hätte machen dürfen. Ich war strickt dagegen. Doch dagegen unternehmen konnte sie letztlich nichts. Eltern haben keine Kontrolle über die sozialen Medien ihrer Kinder. Das ist wirklich sehr schwierig. Auch wenn dein Kind sich zu Hause gut benimmt, kann es draußen mit den falschen Leuten rumhängen, ohne dass wir etwas davon mitbekommen. Sie fühlen sich einfach abgelehnt von dieser Gesellschaft. Die beiden haben sich trotz ihres Schmerzes [musik] zusammengetan, in der Hoffnung, dass keine andere Mutter etwas ähnliches erleben muss.