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Frauen und Männer der Steinzeit | Doku HD Reupload | ARTE

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Die Erforschung der oft außergewöhnlichen Grabstätten des Paläolithikums revolutioniert unser Bild vom Steinzeitmenschen. Die Stätten, von denen die meisten vor rund 25.000 Jahren entstanden, weisen üppige Verzierungen auf. Zu welchem Zweck? War die paläolithische Kultur viel differenzierter als lange gedacht? Auch was die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Männern betrifft?

1872 entdeckt der Archäologe Émile Rivière an der französisch-italienischen Grenze ein jahrtausendealtes Skelett: Seine Erforschung ist voller überraschender Wendungen und verändert unser Bild von den Männern und vor allem den Frauen der Steinzeit nachhaltig. Dieser und weitere Grabfunde stellen die Völker des Paläolithikums deutlich differenzierter dar als lange gedacht. Die Stätten, von denen die meisten vor rund 25.000 Jahren entstanden sein dürften, weisen üppige, für den heutigen Betrachter äußerst unerwartete Verzierungen auf.
Wer waren diese Personen, die mit so viel Sorgfalt und Schmuck bestattet

🤖 Zusammenfassung

Der Text dokumentiert die 1872 von Émile Rivière in der Cavillon-Höhle bei Balzi Rossi gemachte Entdeckung eines vollständigen, reich ausgestatteten Gravettien-Skeletts. Lange als „Mann von Monton“ interpretiert, erweisen moderne anatomische, DNA- und C14-Untersuchungen die sterblichen Überreste als jene einer kräftigen Frau um die 30 Jahre – die „Dame von Cavillon“. Mit etwa 24.000 Jahren stammt sie aus einer komplexen Jäger-und-Sammler-Gesellschaft, die Totenbestattungen, Fernhandel, Werkzeugspezialisierung und regionalen Schmuckstile kannte.

Weitere Funde in Sungir, Dolni Vestonice, Arene Candide, Barma Grande und der Cussac-Höhle zeigen, dass Steinzeitmenschen deutlich weniger „wild“ und möglicherweise sozial differenzierter waren als lange angenommen: reichhaltige Kindergräber deuten auf ererbten Status, Dreiergräber und rituell inszenierte Bestattungen auf Schamanismus oder gar Menschenopfer. Kritisch bleibt festzuhalten, dass viele Deutungen – etwa Geschlechterrollen, Hierarchien oder Opferriten – weitgehend Hypothesen bleiben, denn die archäologischen Indizien sind lückenhaft und Interpretationen von Generationen geprägt.

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📜 Transkript

[musik] 28. März 1872. Der Archäologe [musik] Emil Rivier entdeckt ein Jahrtausende altes menschliches Skelett. Dieser bedeutende Fund wird unser Bild von den Männern und vor allem von den Frauen der Steinzeit [musik] nachhaltig verändern, denn er zieht umfangreiche Forschungen [musik] nach sich, die ein ganz neues Bild der Vorgeschichte zeichnen, das Generationen von Wissenschaftlern [musik] prägt. Weitere Grabfunde an anderen Orten Europas steuern im Laufe der Zeit zusätzliche Informationen bei. Die Forschungsergebnisse stellen [musik] diese Völker von nomadischen Jägern und Sammlern deutlich komplexer da als ursprünglich gedacht. Begeben wir uns auf eine Zeitreise 25 000 Jahre in die Vergangenheit. เฮ [musik] Die Balzirossi, die roten Felsen an der französisch-italienischen [musik] Grenze. Hier liegen die Grimaldiöhlen. Insgesamt sieben schmale Felsspalten, [räuspern] darunter die Cavillon Höhle, in der IL Rivière das Skelett [musik] 1872 entdeckte. Elena Rossoni Noter, [musik] Direktorin des Prähistorischen Museums in Monaco, das an der Wiederaufnahme der Untersuchungen beteiligt war, [musik] führt uns hin. Als Emil Rivier hierherkam, war die Höhle noch komplett mit Sediment und Erde ausgefüllt. Jetzt ist sie leer. Sev führte über 18 Monate lang Grabungen durch und im März 1872 fand er zu seiner Überraschung einen menschlichen Fuß. Dann die große Entdeckung, ein vollständiges Skelett. [musik] Emil Rivières Entdeckung ist beispiellos. Erstmals wurde ein Skelett aus der Steinzeit [musik] komplett mit allen Grabbeigaben und Schmuck gefunden. Rivier tauft seinen Fund nach der nächst gelegenen [musik] Stadt auf den Namen Mann von Monton. Das Skelett [musik] lag auf die linke Seite gedreht, etwa 7 m vom Eingang entfernt, nahe der rechten Seitenwand. [musik] Seine Haltung strahlte Ruhe aus, wie ein Mann, den sein plötzliches Ableben ohne heftigen Todeskampf im Schlaf ereilt hatte. Rivier vertrat die Auffassung, er sei im Schlaf gestorben. Deshalb hielt er es auch für keine richtige Grabstätte. Im 19. Jahrhundert dachte man, dass prähistorische Menschen ihre Toten nicht beerdigt hätten. Für eine Reihe von Autoren ging die Existenz von Gräbern mit dem Glauben an ein Jenseits und mit einer Religion einher. Der wilde aus der Steinzeit, wie man ihn sich vorstellte, war nicht religiös. 1872 kennt man vom Homo Sapiens nur die Überreste des Chromagnon [musik] Menschen, die gerade erst in der Dordonnie in Südwestfrankreich entdeckt worden sind. Doch das waren nur einzelne verstreut liegende Knochen. Kein Vergleich also mit dem Skelett [musik] des Mannes von Montan, das hervorragend erhalten ist und einen aufwendigen [musik] Kopfschmuck aus perforierten Muscheln trägt. Zwischen 1872 [musik] und 1900 finden Emil Rivier und weitere Forscher insgesamt [musik] 15 Individuen in den Höhlen von Balzirossi. Bald darauf werden auch an anderen Orten Europas Skelette [musik] aus der Steinzeit gefunden. Um die Jahrhundertwände verdichten sich die Beweise. Irgendwann war die Diskussion beendet, weil es sich nicht mehr leugnen ließ. Vorher dachte man, dass sie in Höhlen im Schlaf gestorben oder ertrunken seien, weil ein Fluss in der Nähe über die Ufer getreten war oder dass die Skelette aus jüngerer Zeit stammten. Man suchte also viele Gründe, aber mit zunehmender Erforschung wurden all diese Argumente hinfällig. Die Vorstellung vom prähistorischen wilden Gerät ins wanken. Was, wenn diese Völker ganz anders sind als gedacht? Weniger affenähnlich, zivilisierter. Als im 20. Jahrhundert immer mehr archäologische Grabungen Aufsehen erregen und sich die Forschung weiterentwickelt, geraten die Funde in Vergessenheit, bis der Mann von [musik] Montan in den 1990er Jahren wieder ins Scheinwerferlicht drückt und mit einem weiteren Vorurteil über die Vorgeschichte aufräumt. Das Skelett befand sich im Labor für Vorgeschichte des Pariser Muse Lom und ich sah es jeden Tag. Mir fiel auf, dass das Becken gar nicht männlich aussah. Es war breit und hatte eine große Sitzbeinöffnung wie ein weibliches Bett. Was das Grabungsteam damals sicher verwirrt hat, war die kräftige Statur. Einen kräftigen Körperbau bringt man eher mit einem Mann in Verbindung, obwohl es auch kräftige Frauen gibt. Zweitens trug das Skelett einen Kopfschmuck. Weil es so sorgsam geschmückt und bestattet war, dachte man, es handel sich wohl um ein Stammesoberhaupt und das sind in der Regel Männer und keine Frauen. Letztlich ergaber die anatomische Untersuchung, dass es eben doch eine kräftige Frau war. Wir taften sie deshalb um in Dame von Cavillon. Nach zahlreichen Abdrücken wird das Skelett sorgsam aus der Erde herausgelöst, gescannt und neu analysiert. Wir haben es freigelegt, um jedes Teil einzeln zu scannen und anatomisch genau zu untersuchen. Das Epad Lymle bildet ein interdisziplinäres Team. Es veranlasst eine Neuuntersuchung, bei der alle aktuellen Verfahren und Kenntnisse zum Einsatz kommen sollen, um mehr über die Dame von Cavillon in Erfahrung zu bringen. Da sie ein Homo Sapiens ist, ähnelt sie uns. Sie gehört zurelben Art wie wir. Die Analysen haben ergeben, dass sie mit etwa 30 Jahren starb und wahrscheinlich Kinder geboren hat. Aber wie muss man sich die Dame von Cavillon vorstellen? Wie kann man sie rekonstruieren, ohne in überholte Klischees zu verfallen? Die DNA-Analysen ihrer Knochen geben diesbezüglich zwar nichts her, aber man weiß heute, dass ihre Zeitgenossen in ganz Europa dunkle Haut und helle Augen hatten. Wir haben sie mit der Carbon 14 Methode datiert und dazu Muscheln aus ihrem Kopfschmuck entnommen, die aus derselben Zeit stammen. Die Datierungen ergaben ein Alter von etwa 24 000 Jahren. Damit gehörte sie einer großen Zivilisation an, die wir als Gravitian bezeichnen. Das Gravettien ist eine Unterperiode der Jungsteinzeit. Diese Kultur aus der Zeit vor 34 bis 24 000 Jahren ist in ganz Europa vertreten. Sie zeichnet sich unter anderem durch ihre Werkzeuge und Waffen aus Feuerstein aus. Dazu zählt auch diese namensgebende Gravettspitze. Aus derselben Zeit stammen auch die französischen Höhlen Kosker, Pesmerl und Gargas. Zur Zeit des Gravettiens, also der Dame von Cavillon, ist das Klima viel kälter als heute und die Vegetation eine andere. Ausgedehnte Gletscher in Nordeuropa und den Bergmassiven binden das Meerwasser. Überall treten die Küsten zurück. Von den Balzirossi erstreckt sich eine weite Ebene mit viel Wild. Die Menschen leben in kleinen Gruppen zusammen. Als nomadische Jäger und Sammler sind sie über große Strecken von mehreren hundert Kilometern unterwegs. Neben der Cavillonhöhle liegt die Halbhöhle Moki, in der bis heute Ausgrabungen stattfinden. Die Funde aus derselben Zeit [musik] erzählen vom Alltag der Dame von Cavillon. An diesem Ort hielten sich die Gruppen sicher für längere Zeit auf. Sie bewegten sich ansonsten ziemlich schnell von einem zum nächsten. Dabei nutzten sie entlang der Strecke alle Rohstoffe, die sich in den Boden. Fabio Negrino hat die Ausgrabungen in Balzirossi geleitet. Er erklärt, was man dank neuester Forschung über die Lebensweise der Menschen weiß. Man findet Überreste von Kultobjekten, Handwerk, Tieren und auch Objekte mit eher ideellem Wert, künstlerische und dekorative Stücke. Außerdem Werkzeug für den Alltagsgebrauch zum Gerben von Heuten, zum Zerkleinern von Fleisch oder zum Zerlegen von Gerippen. Es wurden Klingen aus einem hochwertigen Rohstoff hergestellt, aus Feuerstein von sehr guter Qualität. Die Steinmetze des Gravetti waren in ihrer Produktion sehr anspruchsvoll. Sicherlich gab es ab dieser Zeit bereits spezialisierte Handwerker, so etwas wie Steinmetzmeister mit Werkstätten und Lehrlingen. Es gab sogar Kinder, die sich ungeschickt am Behauen versuchten. Ein Prähistoriker erkennt das sofort, weil die Keile grobe Fehler haben. Sie spielten Steinmetzlehrling. Man weiß, [musik] dass diese Menschen Feuer machen, Leder bearbeiten und mit Ale und Sehnen Kleider nähen. Der in den Gräbern gefundene Schmuck, die gejagten Tierarten und unser Wissen über das damalige Klima lassen vermuten, dass ihre Kleidung und Schuhe warm und sorgfältig genäht sind und sie Wert auf ein gepflegtes Äußeres legen. So wie viele der heutigen Jäger und Sammler. Wenn wir von damaligen Jägern und Sammlern reden, denke ich nicht, dass sie Sinn für Mode hatten. Er schrieb ihre Kultur eine bestimmte Art der Dekoration und einen bestimmten Kleidungsstil vor. Die Menschen schmückten ihre Körper auf diese Weise und schufen sich so etwas, dass wir im anthropologischen Jargon Identität nennen. Eine Identität durch Kleidung, Perlen und Körperschmuck. Könnten die Muscheln auf dem Schädel der Dame von Cavillon neben einem Sinn für Körperschmuck auch auf den Status dieser Frau und ihre Identität innerhalb der Gruppe hinweisen? In ihrer Werkstatt hat Marion Catrepois den Kopfschmuck der Dame von Cavillon genau untersucht, um ihn so zu rekonstruieren, wie er ursprünglich aussah. Die Muscheln waren auf eine bestimmte Art aufgerei eher aufgefäelt. Man erkennt diese Anordnung an mehreren Stellen. In vielen Gräbern aus der Zeit des Gravchen findet man Schmuck, vor allem Kopfschmuck, der mit Muscheln und Hirschzähnen besetzt ist. Die verwendeten Muscheln waren gar nicht so selten und stammen alle von der gleichen Art. Nassa Nerita. Ich weiß, dass an anderen Orten auch andere Muscheln verwendet wurden, aber bei der Dame von Cavillon ist es ausschließlich diese Art. Zur Identität [musik] des Volkes der Dame von Cavillon, das in Meeresnähe lebt, gehört ein Kopfschmuck aus Muscheln, Fischwirbeln und Hirschzähnen. Vielleicht um sich von anderen Stämen abzuheben. In Italien findet man die gleiche Materialkombination in anderen Gräbern des Gravettiens. Andere Gruppen in Osteuropa und Russland entwickeln ein Febel für Fuchszähne und Mammutelfenbein. Über solche regionalen Identitäten hinaus zeigt sich aber auch, dass Rohstoffe über große Entfernungen weitergegeben werden. Ein Beleg für erste Tauschgeschäfte. Vom Muscheltausch wissen wir z.B., dass er sogar zwischeneinander Unbekannten stattfand, die ihre Wahen und Ideen über große Entfernungen hinweg mit Hilfe von Vermittlern tauschten. So sind z.B. Feuersteine oder Muscheln aus der Mittelmeerregion oder vom Atlantik im Landesinneren gelandet, wobei die Küste weiter draußen lag als heute. Auch wurden Mammut, Elfenbein, Steatit und andere Halbedelsteine zu kleinen Figürchen oder Statuetten verarbeitet. Überall findet man Kopfschmuck, auch bei den weiblichen Statuen, die in ganz Europa auf Gravetier Gebiet gefunden wurden und ein Hinweis für einen gemeinsamen Glauben sind. Was war ihre ursprüngliche Funktion? Handelte es sich um Amulette, die den Frauen Kraft verliehen oder um etwas anderes? Genau diese Figürchen machen die prähistorischen Frauen für uns sichtbar. Sie wurden lange Zeit vernachlässigt. Die Bedeutung der Dame von Cavillon liegt darin, dass sie eine Frau ist. Bis vor kurzem dachte man noch, dass aufwendiger Schmuck allein den Männern vorbehalten war. Hier sieht man aber, dass eine Jägerin und Sammlerin aus dem Gravien ein Grab mit allen erdenklichen Ehren bekam. Das verändert auch die Vorurteile, die wir aufgrund unserer traditionell machistischen westlichen Sichtweise haben und die bei der Rekonstruktion prähistorischer Funde bis heute eine Rolle spielen. Kann man herausfinden, ob Männer und Frauen Feuersteine bearbeiteten? Unmöglich, die Rollenverteilung nur anhand der Feuersteinwerkzeuge zu bestimmen, die bei Grabungen gefunden wurden. Woher wissen wir, ob andere Tätigkeiten geschlechtsgebunden waren, wie es heute bei den meisten Jägern und Sammlern der Fall ist? Kann man z.B. herausfinden, ob Vertreter beiderlei Geschlechts auf der Jagd waren? Man kann an der Skelettstruktur der Frauen erkennen, dass sie eine ähnlich stark entwickelte Oberarmmuskulatur hatten wie die Männer. Das ließe also darauf schließen, dass sie an der Jagd beteiligt waren. Wahrscheinlich hatten sie auch eine bestimmte Aufgabe innerhalb der Gruppe, eine naturgegebene Aufgabe als Mütter, die die Kinder großzogen und vermutlich die Nahrung zubereiteten. Vor allem aber kann man feststellen, dass es kein Ungleichgewicht im Verhältnis zwischen den Geschlechtern dieser Jäger und Sammler gab. Allerdings sind das alles Hypothesen. Bis heute wurde etwas weniger als die Hälfte der Gravettiergräber als Frauengräber identifiziert. Das Geschlecht scheint bei [musik] der Bestattung also keine große Rolle gespielt zu haben. Doch die geringe Zahl der Gräber weist auf eine spezielle Auswahl der Toten hin. wissen nicht genau, welchen Status diese Personen hatten. Neben den Steinmetzmeistern gab es vielleicht auch Kunstmeister, Jagdmeister oder Schamanen. Männer wie Frauen mit einer Sonderstellung in der Gesellschaft, die eine spezielle Behandlung bekam, denn die Zahl der in Europa gefundenen Gräber ist im Vergleich zur Bevölkerung viel zu klein. Auch wenn wir nicht alles gefunden haben und einige der Gräber nicht mehr existieren, fehlt uns ein Großteil der Chronik. Deshalb können wir davon ausgehen, dass die Gräber Individuen gehörten, die einen höheren Status hatten. Lange dachten wir, dass die Steinzeitmenschen mehr oder weniger gleichrangig waren, dass sie keine gesellschaftlichen Hierarchien hatten. Aber es gab einige Überraschungen und wirklich interessant ist eine Fundstätte in Russland namens Sungir. [musik] Die Grabstätten von Zungir liegen 180 km von Moskau entfernt und wurden in den 1960er [musik] Jahren entdeckt. [musik] Generationen von Forschern waren beeindruckt vom Reichtum ihres Schmucks und ihrer Grabbeigaben. [musik] Sie wurden auf ein Alter von 30.000 Jahren datiert und übertreffen mit ihrer Pracht alle steinzeitlichen Funde über 10tausende von Jahren. Alexandra Budilova ist Forschungsleiterin am Anthropologischen Institut in Moskau. Vor einigen Jahren untersuchte sie einzelne Skelette aus Zungier. Die hier gemachten Funde sind einzigartig. Sie sind Teil des weltweiten kulturellen Erbes und schildern die außergewöhnliche Geschichte einer sehr fernen Vergangenheit. Das erste Grab 1964 entdeckt gehörte einem erwachsenen Mann. In dem zweiten, das man einige Jahre später fand, lagen zwei Kinder. Man fand hier zwei Kinder sowie mehrere tausend Schmuckelemente. Die Kinder waren etwa 8 und 10 Jahre alt. Wir hatten gedacht, Kinder könnten diesen Status gar nicht in ihrem kurzen Leben erwerben. Unseren anthropologischen Theorien zufolge mussten sie ihn also geerbt haben. Das würde aber bedeuten, dass wir nicht von gleichrangigen Gesellschaften sprechen, sondern von Reichtum und sozialen Schichten, in die man hineingeboren wurde. Damit würde sich unser Blick auf unsere steinzeitlichen Vorfahren sehr verändern. In der Tat, das Grab der beiden Kinder beeindruckt durch die [musik] Vielzahl der gefundenen Objekte und die Qualität ihrer Ausführung. Mehrere große Lanzen aus Mammutstoßzähnen [musik] gehören zu den außergewöhnlichen prähistorischen Stücken. Wenn wir die Zahl der Objekte, Werkzeuge und Schmuckgegenstände im Grab der beiden Jungen vergleichen, ist das zweite Grab natürlich reichhaltiger ausgestattet als das erste. Auch die Menge und Qualität der Perlen aus Mammutelfenbein, die man auf den Skeletten [musik] fand und die wohl auf die Kleidung aufgenäht waren, verblüfft. Wir gehen davon aus, dass jede Perle 3 Stunden Herstellungsaufwand erforderte. Das macht 35 000 Arbeitsstunden, eine enorme Arbeitsleistung pro Person. Das ergibt zehn Leute, die 60 Tage lang nichts anderes taten als Perlen herzustellen. Kaum vorstellbar. Es überrascht, so viele Grabbeigaben und Schmuck in einem steinzeitlichen Grab zu finden. Einige Kollegen gehen von einer hierarchischen Gliederung der Steinzeitgesellschaft aus. Die Jäger und Sammler waren also vielleicht doch nicht ganz so gleichberechtigt vor ihrem Schöpfer. Anderswo in Europa geben weitere Gravetier Gräber Hinweise, dass es auch in der Steinzeit Reichtümer gab. Etwa die [musik] 30 cm langen Klingen im Grab des sogenannten jungen Prinzen in der Fundstätte Arene Candide und weitere in Balzirossi. Außerdem Elfenbeinperlen in einer Region, in der es kaum Elfenbein gab. Diese seltenen Materialien aus teilweise über 100 km Entfernung sowie die hochwertige Ausführung von Objekten in den Gräbern sind wichtige Hinweise, um einzuordnen, was als Prestige galt, [musik] als man noch kein Gold und Silber kannte. Während einige Forscher die Möglichkeit gesellschaftlicher Hierarchien in der Steinzeit in Betracht ziehen, lehnen andere dies ab. Wer recht hat, lässt sich aufgrund der archäologischen Indizien nicht sagen. Ich möchte diese reichhaltigen und einzigartigen Gräber nicht allein damit erklären, dass es sich hier um Individuen von höherem gesellschaftlichem Rang handelt. Die Ethnografie lehrt uns, dass die Gesellschaft der Jäger und Sammler gleichberechtigt war. Handwerk und wurden sehr geschätzt, aber von Reichtum ist nirgendwo die Rede. Der Stamm der Su im Amerika der Neuzeit war auch dafür bekannt, Kleidung, Schuhe und Accessoires mit Perlen zu besticken und dafür unendlich viel Zeit aufzuwenden. müssen also nach einer anderen Erklärung suchen, weshalb man sich beim Begraben dieser Toten solche Mühe gegeben hat. Wie kommt es, dass manche Gräber reicher geschmückt sind als andere? Wurden diese Menschen etwa mehr geliebt? Vielleicht wurde dieser Schmuck auch von den Betroffenen selbst hergestellt und es war eine Festracht für Zeremonien. Auch bei uns hat man Menschen bis vor nicht allzu langer Zeit in Festkleidung beerdigt. Vor allem Kinder zieht man oft festlich an. Vielleicht haben die Eltern aus Liebe schöne Kleidung für sie angefertigt. Wir müssen hier auf das zurückgreifen, was wir von jüngeren Völkern, von Jägern und Sammlern wissen. Dort findet man alle möglichen Varianten. Z.B. dass es sich bei den Grabbeigaben um Besitztümer des Toten handelt, die man auf keinen Fall anrühren darf, oder dass Objekte als Grabgeschenk mitgegeben wurden, um den Toten oder seine Familie zu würdigen. Es gibt auch Fälle, bei denen nichts davon zutrifft, weil alles, was dem Verstorbenen gehört in der Gesellschaft aufgeteilt wird als Beweis für seine Position. Man findet also in sehr ungleichen Gesellschaften, in denen es Reichtümer gab, auch Gräber, die gar nichts enthalten. Auch das tschechische Meeren gilt als Hochburg für prähistorische Funde. Auf wenigen Quadratkilometern entdeckte man hier mehrere Fundstätdten, [musik] darunter Dolny Viestoniz, das heute von Weinreben überwachsen ist. Die Völker, die vor 30.000 Jahren hier lebten, waren alles andere als primitiv und beherrschten bereits die [musik] Keramikherstellung, die Weberei und das Schnitzen von Mammutelfenbein. Diesen Stoßzahn könnte man als früheste Landkarte der Welt interpretieren. Auch ihre Bestattungsrituale waren überraschend ausgefeilt. [musik] Die meisten Leute wurden einzeln beerdigt und nur mit den Schulterblättern von Mammuts bedeckt. [musik] Doch ein Dreiergrab hat die Wissenschaftler verblüfft. Bei seiner Entdeckung wirkte es wie inszeniert. [musik] Das kleine Museum von Pavlov in einigen Kilometern Entfernung zeigt einen Abdruck des rätselhaften Grabfundes. Irji Woboda war 1986 bei [musik] seiner Freilegung dabei. Wir fanden zunächst leuchtend rote Schädel, die mit einem Pigment und Schmuck bedeckt waren. Erst in den Tagen danach haben wir alles freigelegt und die gesamte Städte ausgegraben. Von da an konnten wir verschiedenste Theorien und Hypothesen darüber aufstellen, was wir hier entdeckt hatten. Der Mann rechts liegt auf dem Bauch, der links streckt seine Hand zum Becken des Mittleren aus. Die Schädel, aber auch die Geste der Hand am Becken, sind mit rotem Ocker betont. Was hatte diese makabere Inszenierung für die Menschen zu bedeuten, die sie bestattet hatten? Das erste Grabungsteam dachte, die Person in der Mitte sei vielleicht eine im Kindbett gestorbene Frau. Ursprünglich dachte man, das Individuum in der Mitte sei eine Frau, die im Kindbett gestorben ist. Diese Hypothese ist sehr alt. Erst als man vor kurzem DNA Analysen vorgenommen hat, stellte sich heraus, dass es sich um einen Mann handelt. Wir haben es hier also mit einem Grab dreier junger Männer zu tun. Die Anordnung lässt darauf schließen, dass der Mann in der Mitte eine Sonderstellung oder wichtige Position in der Gesellschaft einn. Im Laufe seines Lebens war er oft krank. byl patologickýžem svého života. A demen wir, dass erere fiberhafte infektionen hatte. Das führte unter anderem zu einer unterentwicklung covhoch, které deutlich erkennen. Auch am Skelett finden sich Auffälligkeiten, vor allem am Hinterkopf und an den Gliedmaßen. Die langen Röhrenknochen sind auffällig gekrümmt. Solche in gewisser Weiseypischen Individuen nehmen in einigen der traditionellen Gesellschaften von Jägern und Sammlern eine Sonderstellung ein. Die meisten Prähistoriker sehen es als erwiesen an, dass Menschen mit Behinderungen in ihrer Gruppe als Schamanen galten. Da sie nicht wie die anderen zur Jagd gehen konnten, übernahmen sie religiöse Aufgaben, die eine besondere Bestattung rechtfertigten. Diese Hypothese stützt sich auf einen prägnanten Fall von vor etwa 27 000 Jahren. Dieses im tschechischen Brünnen gefundene Individuum zeigt auffällige pathologische Merkmale. Der Mann litt an einer Osteoporose, die ihn beim Gehen behindert haben dürfte. Bei ihm wurden reichhaltige Grabbeigaben gefunden. Neben ihm fand man eine Gliedermarionette aus Mammutelfenbein. Dieses außergewöhnliche Stück ähnelt anderen Statuetten, die man in den Gräbern sibirischer Schamanen aus neuerer Zeit fand. Die Figur scheint eine Frisur gehabt zu haben. Hinten halblang und vorn kurz geschnitten. Augen und Nase sind nur angedeutet. Hier an der Basis befindet sich eine natürliche Öffnung, die vielleicht dazu diente, Kopf und Körper miteinander zu verbinden. Es handelt sich wohl um eine männliche Figur, wie wir in diesem Bereich sehen können. Dieser Fund ist einzigartig im steinzeitlichen Kontext. Außerdem wurden noch Muscheln, Ringe und Scheiben aus Stein und Mammutelfenbein gefunden und auch ein Trommelstock. All diese Objekte lassen darauf schließen, dass es sich um das Begräbnis einer sehr wichtigen Person handelte, vermutlich des Schamanen des Stammes. Vielleicht waren Steinzeitbegräbnisse, also Stammesoberhäuptern oder Schamanen vorbehalten. Doch das Dreiergrab von Dolny Viestoniz [musik] wirft noch weitere Fragen auf. Wie kommt es, dass alle drei Menschen zurelben Zeit sterben? Es gibt noch ein weiteres Beispiel für ein Dreier Grab aus dem Gravettien. Diese Grabstätte fand man rund 50 m von der Dame von Cavillon entfernt [musik] in einer Höhle namens Barma Grande. Das Dreiergrab wurde 1892 [musik] entdeckt, also 20 Jahre nach der Dame. Die Originalgrabstätte wird gleich nebenan im Museum von Balzi Rossi aufbewahrt. handelt sich um ein außergewöhnliches Grab für außergewöhnliche Menschen. Das erwachsene Skelett war sicher ein Mann. Die genetischen Untersuchungen von vor 15 Jahren deuten darauf hin, dass die zwei jüngeren, vermutlich jugendlichen Individuen, Frauen waren. zeigen Schädelmerkmale, die auch ohne DNA Analysen darauf hinweisen, dass diese drei Individuen miteinander verwandt waren. Familiar individu Merkwürdige ist, dass alle drei zum selben Zeitpunkt verstarben und zusammen beerdigt wurden. Viele Forscher, vor allem der Archäologe Vincenzo Formicola, haben nach der Untersuchung dieser Grabstätte und der von Dolnie Viestoniz angeregt, dass man herausfinden müsse, ob in der Steinzeit Opferrieten praktiziert wurden. also Menschen geopfert wurden, um den Toten zu begleiten aufgrund einer Logik, die sich uns nicht erschließt. Die Möglichkeit, dass manche der Beerdigten geopfert wurden, erwägen inzwischen immer mehr Forscher. In Russland haben Prähistoriker auch frühere Funde im Licht dieser neuen Hypothesen untersucht. Vor einigen Jahren haben mein amerikanischer Kollege Eric Trinkhaus und ich erneut die Überreste des Männergrabes von Zungier untersucht. Der erste Brustwirbel seines Skeletts, der bei der ersten Untersuchung noch nicht gefunden war, tauchte wieder auf. Unsere Untersuchung dieses Brustwirbels ergab eindeutig ein Loch, das möglicherweise von einem Knochenwerkzeug stammt. Man hat ihm einen Schlag an den Halsatz versetzt, wo wichtige Blutgefäße verlaufen. Vielleicht wurde die Aorta verletzt und der Mann ist schnell verblutet. Was das Grab der beiden Kinder betrifft, ist unseren Forschungen zufolge das Ältere der beiden durch eine Schnittwunde im Bauch gestorben. Man erkennt auch Schlagspuren an seinem linken Beckenknochen, die vielleicht von einem Pfeil oder einer Lanze stammen. Es ist heute sehr schwierig, das genauer zu untersuchen. Aber von diesen drei Individuen sind zwei eines gewaltsamen Todes gestorben. Da kann man sich schon fragen, ob es sich nicht um einen Opferritus oder um eine Opfergabe handelte. Trägt auch die Dame von Cavillon Spuren eines gewaltsamen Todes, die darauf schließen lassen, dass sie von ihrem Stamm geopfert wurde? Oder gibt es pathologische Auffälligkeiten, die zu der Hypothese über körperbehinderte Menschen passen, die als Schamanen galten? Das Ehepaar Lyml untersuchte das Skelett auf diese Hypothesen. Wir fanden an ihrem Skelett eine Auffälligkeit am linken Unterarm. Wir sehen hier die Verdickung der Speich. Dabei handelt es sich um einen gut verhalten Bruch. Wir haben nachgeforscht, was der Grund für diese Fraktur sein könnte. Sie geht vermutlich auf einen heftigen Schlag direkt auf den Unterarm zurück, aber sie war gut verheilt. Die Frau war also bei guter Gesundheit. Der Knochen war gut kalzifiziert und es gab keine Infektion. Allerdings sehen wir hier eine kleine Asymmetrie. Der rechte Oberschenkelknochen ist etwas länger als der linke. Sie hinkte etwas, vielleicht war sie deshalb eine symbolträchtige Figur. Die Dame von Cavillon gehörte also nicht zu den Individuen, die einen gewaltsamen Unfalltodot erlitten oder getötet wurden. Aber sie könnte eine leichte Behinderung gehabt haben und somit zu dem Kreis von Personen gehören, die als Schamanen galten. Oft liefert der Schamanismus Erklärungen für die steinzeitliche Felskunst. Im Jahr 2000 findet man eine außergewöhnliche Höhle in Küs, einem Ort in der französischen Dordonnie. Dort kommen die sterblichen Überreste von sechs Individuen zum Vorschein. Sie weisen einen seltenen Bezug zu Felskgravuren auf. Am frühen Morgen wollen Archäologen, die die Höhle von Küsak erforschen, in deren Tiefen vordringen. Während einiger Monate pro Jahr darf sie wegen ihres CO2 Gehalts nicht betreten werden. Um die Übertragung von Pilzen und Bakterien zu vermeiden, müssen die Forscher sterile Anzüge tragen und ihre Stiefel desinfizieren. Okay. Abgesehen von ihren eigenen Aufnahmen ist es das erste Mal, das in der Höhle gefilmt werden darf. Als wir diese Höhle nach fast 30.000 Jahren zum ersten Mal betraten, war der Boden völlig unberührt. Man sah keine Trittspuren, außer denen der Menschen aus dem Gravettier. Es gibt Fußspuren am Boden und Ocker an den Wänden, weil sie ihre Kleidung vermutlich mit Ocker bestrichen und beim Entlanggehen an den Wänden Streifspuren hinterlassen haben. Wir erstellten ein detailliertes Inventar. und folgten praktisch ihren Ockerspuren ins Höhleninnere. Diese Höhle ist einzigartig, [musik] nicht nur wegen der gut erhaltenen Böden und Wände, sondern auch wegen der erstaunlichen Felsgravuren, die nun erstmals eine Kamera dokumentiert. [musik] 150 [musik] m vom Eingang entfernt hatte man im Gravettier unweit dieser Gravuren Leichnahme in Kuhlen gelegt in denen sonst Bären überwintern. Von einigen der Skelette existieren nur Bruchstücke. Dass man Tote bis zu 230 m vom Eingang entfernt ablegte, hatte sicher eine Bedeutung. Erneut stellt sich die Frage nach dem Status dieser Menschen und was es mit diesem seltsamen Begräbnisritual auf sich hat. Hier haben wir einen primären Ablageort. Offenbar wurde der vollständige Leichner mit dem Bauch nach unten in die Bärenkuhle gelegt und hat sich hier zersetzt. Später haben Überschwemmungen die Anordnung etwas durcheinander gebracht. Dann gibt es noch die Möglichkeit einer Knochenlagerstätte. So etwas haben wir an der Fundstätte 1 mit Knochenresten von zwei Individuen in einer kleinen Kohle. Unwahrscheinlich, dass man zwei Leichen in eine Kuhle von nur eine Meter Durchmesser gelegt hat. Deshalb nehmen wir an, dass man hier bereits getrocknete, verweste Knochen ablegte. Warum legten die Menschen des Graviti ihre Toten so tief in der Höhle an einem schwerzugänglichen Ort ab? Die Prähistoriker fragen sich auch, wie mühsam es damals war, die Toten über das unwegsame Gelände zu transportieren. Ich stoße an meine Grenzen, wenn ich versuche, mich in die Haut eines Steinzeitmenschen mit seinen Kenntnissen, Wünschen und Regeln zu versetzen. Die Entfernung finde ich weniger kritisch als die Zeit, die man bis hierher braucht. 150 m in einer engen Höhle mit Stalagniten, da braucht man schon eine gute Viertelstunde. Das ist aber immer noch wenig im Vergleich zu anderen Abschnitten der Höhle, denn Küs ist 1,6 km tief. Diese Leute sind bis ans hinterste Ende der beiden Tunnel vorgedrungen. Von der einen Seite 550 m, von der anderen über 1 km weit. Die Archäologen nehmen an, dass die fehlenden Schädel der beiden hier abgelegten Individuen erst getrocknet hergebracht und später wieder entfernt wurden. Diese Hypothese stützt sich auf vorhandene Zähne und ein seltsames Knochenpulver. Es wird zunehmend deutlich, dass die Knochen aus dem Gravitieren, die wir gefunden haben, wahrscheinlich nicht isoliert oder wertlos sind. Möglicherweise wurden Gräber durcheinander gebracht oder diese Knochen hatten eine Geschichte. Nach dem Tod spielten der Leichnam oder seine Knochen womöglich eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft. Die einzelnen Knochenfundstücke könnten den prähistorischen Völkern als Reliquien gedient haben. Auch an anderen Orten gibt es Knochenfragmente, die zwar bislang noch nicht untersucht wurden, die aber aus heutiger Sicht einen neuen Sinn ergeben. Das gilt z.B. für Sungier in Russland. Die Besonderheit dieser archäologischen Städte besteht auch darin, dass hier ein Ritual für vier Personen stattgefunden hat. Bisher habe ich nur drei Personen erwähnt, aber hier lag noch eine vierte Person. Es handelt sich um das Fragment eines Oberschenkelknochens, das rechts neben der rechten Schulter des älteren Jungen lag. Auch dieser Knochen gehört einem Mann. Diese vier Männer vertreten vier verschiedene Stämme. Sie weisen mehr oder weniger gleiche genetische Merkmale auf und stammen aus Völkern der westeuropäischen Steinzeit. Je mehr Informationen ich bekomme, desto überzeugter bin ich, dass es sich hier um ein komplexes Ritual handelt, dass man sich auf keinen Fall als einfaches Begräbnis reicher oder gesellschaftlich hochrangiger Personen vorstellen darf. Für mich hat man diese Personen mit Kleidung, Schuhen und Waffen ausgestattet, um sie irgendwohin zu entsenden oder auf eine wichtige Reise vorzubereiten. Was komplexe Begräbnisrituale betrifft, gibt uns auch die Höhle von Küsaak in Frankreich noch immer Rätsel auf. Die Archäologen bringen noch weiter in die Höhle vor und kommen erneut an Felskgravuren vorbei. [musik] Kühck ist außergewöhnlich. Wir haben hier Skelette und Felskravuren, die topografisch in einem engen Zusammenhang stehen. Hier sind sie vorbeigekommen. Genau hier, wo wir heute ihre Werke betrachten und die Überreste ihrer Zeitgenossen finden. Ich habe großen Respekt vor dem, was sie alles an diesem Ort getan haben. verdient Bewunderung und Respekt. Keine Gruppe konnte hier ihre Toten ablegen, ohne die Gravuren zu sehen oder umgekehrt. Auf jeden Fall besteht ein Zusammenhang zwischen den Generationen. 230 m vom Eingang entfernt entdecken die Archäologen weitere menschliche Überreste. Dieser Bereich gibt ihnen neue Rätsel auf. Einige Knochen sind den Hang hinabgerutscht, andere liegen oben an der Böschung in einer Bärenkuhle. 2019 hat Sebastian Vilot hier die vollständigen Knochen einer Hand in anatomischer Anordnung gefunden. Dass hier eine ganze Hand lag, zeigt, dass sie noch nicht verwest war. [räuspern] Unterarm, Oberarm und Schulterblatt lagen nicht weit davon entfernt. Hier lag also wahrscheinlich ein kompletter rechter Arm. Das ist ein Ablageort für Körperteile. Ablageorte für einzelne Gliedmaßen, ganze Leichnahme oder bereits getrocknete Knochen. Die Funde in Küsaak erstaunen und befremden uns. Ähnliche Praktiken aus dieser Zeit gab es offenbar auch an anderen Orten, z.B. in Pavlov, unweit von Dolny Viestoniz in Tschechien. An diesem Ort fand man [musik] zwischen 1950 und 60 zwei einzelne Hand und zwei Fußpaare. Diese Körperteile, die bislang als wertlose Funde galten, werden derzeit neu untersucht. Damit ist Sandra Saselova beschäftigt. Interessant ist, dass wir den Rest des Skeletts nicht gefunden haben, aber auch keine Kerben an den Knochen, die durch Steinwerkzeuge verursacht wurden, was auf ein absichtliches Abtrenn vom Körper hinweisen würde. Das wirft eine interessante Frage auf. Wieso hat man manche Individuen komplett bestattet, während man von anderen nur einzelne Körperteile findet? Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Es kann sich z.B. um verschiedene Begräbnispraktiken handeln. Möglicherweise lagerte man die Leichnahme auf einer Art Plattform, wie wir sie aus analogen ethnologischen Kontexten kennen und wurden dort ihrem Schicksal überlassen. Durch Verwitterung sind die einzelnen Teile dann abgerutscht. Dieses Bild der Menschen des Gravtians, die ihre Toten in Grabstätten mit rotem Oer beisetzen, war eine recht idyllische Vorstellung für solch primitive Grabstätdten, in die ein Mensch manchmal auch zwei oder drei gelegt wurden. In den 2010er Jahren hat man dieses Bild dann revidiert. Im Grunde haben wir es hier mit einem deutlich komplexeren Gesamtbild an Bestattungen zu tun. Das [räuspern] Begräbnis ist nur eine von vielen Formen. Wir neigen zu der Annahme, dass eine Grabstätte die wertschätzendste Art der Bestattung ist, sowohl für die Hinterbliebenen als auch für die Toten. Doch das ist nur unsere westlich geprägte Vorstellung, dass dies eine besonders wichtige Praxis wäre. Man muss sich bewusst machen, dass dasselbe Objekt oder dieselbe Geste nicht unbedingt immer dasselbe bedeuten muss. Davon müssen wir uns lösen. [musik] Uns erscheint es selbstverständlich, dass diese Menschen einen Sonderstatus hatten und nicht zufällig da liegen. Aber in welcher Hinsicht besonders geliebt, gehasst, verehrt? Da bewegen wir uns im Reich der Fiktion. Können Sie sich diese Menschen vorstellen? immer weniger, denn mit immer mehr Erfahrung und Wissen wird mir immer klarer, wie wenig ich weiß und wie groß die Distanz zwischen diesen Menschen und mir eigentlich ist. Über die Kunst finde ich noch einen gewissen Zugang. Aber was ihr Leben und ihren Alltag angeht, in mancher Hinsicht sind sie uns sehr nah, weil sie eben auch Menschen sind wie wir. Aber gleichzeitig tut sich eine große Kluft zwischen ihnen und uns auf, zwischen Ihnen und mir. Im Paleolitikum ist das Gravitier die Epoche mit den meisten Bestattungen. [musik] Vor 20.000 Jahren stirbt diese Praxis für mehrere Jahrtausende aus. Mit der Entdeckung der Höhle von Küs haben sich in den letzten Jahren neue Perspektiven [musik] für die Forschung aufgetan. Hier gibt es verschiedene Bestattungspraktiken je nach Individuum und einen möglichen [musik] Zusammenhang mit Felsgravuren. Überall in Europa werden frühere Fundstätdten im Licht dieser neuen Erkenntnisse und Ergebnisoffene untersucht. Derzeit wird an mehreren Orten in Südwestfrankreich geforscht. So auch in der Halbhöhle von Kromagnon, wo zwischen Gravetier [musik] Grabstätdten und Felskunst, die leider kaum noch sichtbar ist, Verbindungen zutage treten. In der Cavillon Höhle wurde 1971, fast 100 Jahre nach Emil Riviers Skelettfund, die Felskravur [musik] eines Pferdes entdeckt, das man nie zuvor bemerkt hatte. Heute steht dieser Zusammenhang zwischen Grabstätten und Kunst im Einklang mit aktuellen Forschungserkenntnissen. Wieder hat ein Fund zum nächsten geführt und eine Hypothese den Weg für andere Analysen oder Überlegungen freigemacht. Inzwischen haben wir ein ganz anderes Bild von diesen frühen Menschen. Auch unser heutiger Blick auf Frauen hat sich geändert und macht neue Überlegungen möglich. Wer war die Dame von Cavillon wirklich? Eine Frau wie alle anderen? Eine Jägerin? War sie körperlich beeinträchtigt? War sie eine Schamanin oder das Oberhaupt ihres Stammes? Starb sie eines natürlichen Todes? Wurde sie geopfert oder verehrt? Dass diese Fragen ungeklärt bleiben, liegt auch daran, dass die Steinzeitgesellschaft [musik] viel komplexer war, als wir lange dachten. Je weiter die Wissenschaft voranschreitet und unser Blick sich öffnet, umso mehr offenbart sie uns ihre [musik] Vielfalt. Steinzeitgräber bleiben ein wichtiger Schlüssel für das Verständnis dieser längst vergangenen Gesellschaften. Das Grab der Dame von Cavillon jedenfalls hat noch längst nicht sein letztes Geheimnispreis [musik] gegeben. [musik] โ [musik] [musik]


📊 Link-Infos

URL https://www.youtube.com/watch?v=rFesakjYftM
Titel Frauen und Männer der Steinzeit | Doku HD Reupload | ARTE
Kategorien BulkNews, ARTEde
Hinzugefügt 2026-07-24 14:30:11
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