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🤖 Zusammenfassung
Die Reportage beleuchtet drei ungelöste Vorfälle im Vatikan: den Dreifachtod von Kommandant Alois Estermann, dessen Ehefrau und dem Gardisten Cedric Tornay am 4. Mai 1998, das Verschwinden der 15-jährigen Vatikanbürgerin Emanuela Orlandi 1983 sowie den frühen Tod von Papst Johannes Paul I. 1978. Der Vatikan erklärte Tornay posthum zum Täter, doch die Ermittlungen wiesen schwere Mängel auf: ein fragwürdiger Abschiedsbrief, widersprüchliche Obduktionsergebnisse, keine Spurensicherung und eine Kugel ohne Abfeuerungsspuren. Tornays Mutter kämpft seither für Aufklärung. Ähnlich dubios verlaufen die Nachforschungen zu Emanuela Orlandi. Hinweise auf Mafia, Vatikanbank-Geldwäsche und Erpressung blieben ohne gesicherte Beweise; Papst Franziskus' 40 Jahre später eingeleitete Untersuchung erbrachte keine neue Erkenntnisse. Johannes Paul I. starb überraschend nach 33 Tagen im Amt; eine Obduktion wurde verweigert, Motivtheorien um dubiose Bankgeschäfte blieben unbewiesen. Der Beitrag dokumentiert ein Muster vatikanischer Geheimniskrämerei, mangelnder Transparenz und unterdrückter Beweise. Opfer und Angehörige warten weiterhin auf Gerechtigkeit.
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📜 Transkript
4. Mai 1998. Tatort Vatikan. Gegen 21 Uhr findet ein Schweizer Gardist drei Menschen erschossen in der Dienstwohnung seines Kommandanten. Mysteriöse Todesfälle. Nicht die einzigen ungelösten Verbrechen im Machtzentrum der katholischen Kirche. Die Nachricht vom Blutbad in der Kaserne der päpstlichen Leibgarde verbreitet sich in Windeseile. Die Toten? Der Kommandant der Schweizer Garde Alois Estermann, seine Ehefrau Gledis und der Junge Gardist Cedric Tornay. Schon kurz nach Mitternacht, etwa drei Stunden nach der Tat, nimmt der Vatikan Stellung. Der Junge Vizekorporal Tornay habe den Mord in einem Anfall von Wahnsinn verübt, heißt es. Der Pressesprecher des Vatikans, Joaquín Navarro Valls, präsentiert am Mittag des nächsten Tages den Tathergang. Cedric Tornay habe bei den Estermanns geklingelt, zuerst den Kommandanten, dann dessen Ehefrau erschossen, bevor er sich selbst den Lauf seiner Dienstwaffe in den Mund steckte und abdrückte. Das Motiv? Ein Streit zwischen Tornay und seinem Vorgesetzten. Der Junge Schweizer habe sich beruflich übergangen gefühlt. Ihm sei eine Auszeichnung vorenthalten worden wegen undisziplinierten Verhaltens. Aus Enttäuschung und Wut hätte er zur Waffe gegriffen. Ein Doppelmord aus verletzter Ehre. Ein Abschiedsbrief Cedrics scheint die vatikanische These zu stützen. – "Nach drei Jahren, sechs Monaten und sechs Tagen, in denen ich die Ungerechtigkeiten hier aushalten musste, haben sie mir das Einzige verweigert, was ich wollte". – Scheinbar der Brief eines Verzweifelten. Doch seine Ex-Freundin Valeria zweifelt an der offiziellen Version. – Er hätte keiner Fliege etwas zu Leide tun können, schon gar nicht anderen Menschen. Und ich bin mir sehr sicher, dass er auch sich selbst nichts angetan hat, weil er ein sehr gläubiger Mensch war. – Cedrics Mutter erhält die Nachricht vom Tode ihres Sohnes vom Dorfpfarrer in ihrer Schweizer Heimat. – Er sagte, Cedric hat zwei Menschen erschossen, seinen Chef und dessen Frau. Ich sagte mir, das ist unmöglich, wir haben doch noch Mittags miteinander telefoniert. Der Pfarrer fügte hinzu, ich habe noch eine weitere schlimme Nachricht, Cedric hat sich umgebracht. Ich war völlig schockiert. – Cedric Tornay wächst im französischsprachigen Teil der Schweiz im Wallis auf, zusammen mit seiner Mutter und zwei Schwestern. – Er war immer gut gelaunt und hilfsbereit, er machte nie große Probleme. Er war bei den Pfadfindern, spielte Hockey, ein ganz normaler Junge. Mit etwa acht Jahren sah er einen Bericht über die Schweizer Garde. Damals meinte er, "das will ich auch mal machen". Wir haben nie wieder darüber gesprochen. Als er dann die Schule beendete und eine Lehre beginnen sollte, sagte er, dass er päpstlicher Gardist werden wolle. – Seine Bewerbung ist erfolgreich. Am 6. Mai 1996 schwört Cedric Tornay zusammen mit anderen Gardisten im Vatikan auf die Fahne der Schweizer Garde. – Alle waren total glücklich, dass sie endlich nach zwei Jahren Ausbildung in die Schweizer Garde aufgenommen wurden. Sie schworen, das Leben des Papstes zu schützen. Das war ein großer Tag für sie. Alois Estermann gehört seit 1980 zur persönlichen Schutztruppe des Papstes. Kurz vor seinem Tod gibt der strenggläubige Katholik aus dem Schweizer Kanton Luzern ein Interview. – Ich komme aber aus einer Bauernfamilie und auch das hat mich natürlich sehr geprägt. Aber auch überzeugter und praktizierender Katholik und ich glaube, Glaubensmann, Soldat und der Bauer, die haben sehr, sehr viel gemeinsam. – Im Mai 1981 geht dieses Bild um die Welt. Beim Attentat auf Johannes Paul II. springt der bis dahin unbekannte Gardist Alois Estermann geistesgegenwärtig auf das Papamobil. Er stützt das schwerverletzte Kirchenoperhaupt. – Auch Dank Estermann überlebte der Papst das Attentat von 1981, weil er ihn, indem er ihn stützte, vor dem Verbluten gerettet hat. – In den Folgejahren weicht er Johannes Paul II. kaum von der Seite, begleitet ihn auf vielen Reisen rund um die Welt. – Er war durchdrungen vom Geist des Dienens, deshalb hat man ihm zu Recht die Verantwortung für die Schweizer Garde übertragen. – Am Mittag des 4. Mai 1998 macht der Vatikan die Beförderung Estermanns zum Kommandanten der Schweizer Garde öffentlich. – Der Chefredakteur unserer Zeitung "La Repubblica" fragte, ob wir nicht mit ihm über seine Pläne sprechen wollten. Also habe ich Estermann angerufen. Er wirkte sehr glücklich und zufrieden, man hörte es an seiner Stimme. Er sagte, "ich diene dem Heiligen Stuhl, ich diene dem Papst, aber nicht nur als Mann des Militärs, sondern als Mann des Glaubens". "Diese Ernennung verlangt von mir noch mehr ab. Ich werde nun noch mehr geben". – Es ist Estermanns letztes Interview. Nur wenige Stunden später ist er tot. – Nachdem ich den Artikel fertig geschrieben hatte, habe ich nochmal die Agenturmeldungen gecheckt. Da stand, Estermann ermordet. Ich war schockiert, kurz zuvor hatten wir doch noch miteinander telefoniert. – Blankes Entsetzen hinter den Mauern des Vatikans. Sofort finden Untersuchungen am Tatort statt, allerdings nur von vatikanischen Ermittlern. Zum souveränen Kirchenstaat haben italienische Behörden offiziell keinen Zutritt. Die Obduktion der Leichen übernehmen zwei Vatikanärzte. – Gegen 1 Uhr oder 2 Uhr nachts rief mich der Kaplan der Schweizer Garde, Jehle, aus Rom an und fragte, was ich vorhätte. Ich antwortete, dass ich nach Rom fahren wolle. Da sagte er, dass das nicht gehen würde. Sie hätten bereits entschieden, Cedric im Vatikan zu beerdigen. Ich entgegnete, nein, das geht nicht, ich will sicher sein, dass es mein Sohn ist, der im Sarg liegt. Der Kaplan erklärte mir, dass Cedrics Körper schon am verwesen wäre. Ich fragte, wie, haben Sie keinen Kühlschrank in Rom? Das kann doch nicht sein, verwesen nach nur einem Tag. Spätestens da habe ich den Entschluss gefasst, nach Rom zu fahren. Da war doch was faul. – Nach dem Telefonat reist Muguette Baudat auf eigene Faust nach Rom. Sie will Abschied nehmen von ihrem Sohn. Der liegt inzwischen aufgebahrt im Vatikan. – Cedric lag da, er war so schön. Allerdings waren beide Schneidezähne abgebrochen. Ich habe gefragt, wie kann das sein? Da hieß es, Cedric habe sehr zerbrechliche Zähne gehabt. – Papst Johannes Paul II., so heißt es, ist tief getroffen vom Tod der drei Vatikanbewohner. Nach der Trauerfeier soll Cedrics Mutter vor dem vatikanischen Ermittlungsrichter bestätigen, dass der Abschiedsbrief ihres Sohnes echt ist. – Ich kann nicht bestätigen, dass Cedric ihn geschrieben hat, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Aber es ist nicht seine Schrift. Außerdem ist der Brief voller Worte, die er nie verwendet hat. Cedric hat diesen Brief nicht geschrieben. – Ferner steht im Brief die falsche Dauer seiner Dienstzeit. Und der Brief an die Mutter endet mit den Worten, "dein Sohn, der dich liebt". Nicht mit Cedrics Namen, wie er sonst immer schrieb. Merkwürdig ist auch, dass auf dem Briefkuvert nicht der aktuelle Nachname seiner Mutter steht, sondern der ihres geschiedenen Ehemanns. – Also der Ermittlungsrichter hält mir den Brief mit dem Umschlag hin und überlässt ihn mir. Wie ist das möglich? Es handelt sich doch um ein Beweisstück. Er gibt mir einfach so ein Beweisstück. – Muguette Baudat will den Leichnam ihres Sohnes in die Schweiz überführen lassen. Das gefällt nicht jedem im Vatikan. – Es gibt sehr viele Unstimmigkeiten. Ausgerechnet ein Priester wollte Muguette nach ihrer Ankunft in Rom dazu überreden, den Leichnam einäschern zu lassen. Als ob das damals eine gängige Praxis in der katholischen Kirche gewesen wäre. Alles sehr seltsam. Und wirklich kein Akt der Nächstenliebe. – Cedrics ehemalige Freundin ist sich sicher. – Meiner Meinung nach hat der Vatikan versucht, Beweise zu verschleiern. Hätte Muguette Cedric tatsächlich einäschern lassen, wüssten wir heute vieles nicht. – Eine unabhängige zweite Obduktion in der Schweiz soll Gewissheit bringen. Professor Thomas Krompecher bittet den Vatikan um den ersten Obduktionsbericht. – Wir haben keine Kopie der ersten Autopsie ausgehändigt bekommen. In meiner langen Berufserfahrung habe ich noch nie einen solchen Fall von Ablehnung erlebt. – Hat sich Cedric wirklich mit seiner Dienstwaffe erschossen? Das Kaliber einer 9mm Patrone würde passen. Die Austrittswunde in Cedrics Schädel hat aber nur einen Durchmesser von etwa sieben Milimeter. Nach der These des Vatikans hat sich Cedric mit vorgeneigtem Kopf hingekniet und abgedrückt. In dem Fall hätten die Halswirbel zertrümmert sein müssen, doch die sind unversehrt. Also war der Kopf zurückgelehnt. Wurde Cedric möglicherweise niedergeschlagen und anschließend erschossen? – Meine Meinung als Wissenschaftler? Wir wissen es nicht. Es könnte Selbstmord gewesen sein. Wir können aber auch Fremdeinwirkung nicht ausschließen. Jede andere Person hätte den Schuss abfeuern können. Allein auf Basis dieser Autopsie ist keine klare Aussage möglich. – Der Vatikan spricht von Kurzschlusshandlung, möglicherweise verursacht durch regelmäßigen Drogenkonsum und eine große Zyste in Cedrics Hirn. – Eine Zyste, die sich nicht bemerkbar gemacht hat, das heißt keinerlei Symptome hervorgerufen hat, nichts. Und plötzlich soll sie eine Wahnsinnshandlung verursacht haben? Das erscheint mir an den Haaren herbeigezogen. – Für Cedrics angeblichen Drogenkonsum gibt es keine Zeugen und keine Beweise. Seine Freunde haben ihn vielmehr als lebensfrohen jungen Mann in Erinnerung. – Jeder kannte ihn in der Gegend. Er hielt sich gern im Vatikanviertel auf. Er war sehr aufgeschlossen und hatte sich schnell an das römisch-italienische Leben angepasst. – Seine ehemalige Freundin Valeria kann das nur bestätigen. – Er hat sich immer um andere gekümmert. Er war ein freundlicher Mensch, man fühlte sich einfach wohl in seiner Gegenwart. Er hatte viele Freunde, er war lustig, sympathisch, alle mochten ihn, selbst meine Familie. – Ein netter Kerl, der es mit den Vorschriften nicht immer so genau nimmt. – Es kam schon mal vor, dass er sich undiszipliniert verhielt. Ich erinnere mich, dass er einmal nachts im Auto schlafen musste, weil sie ihm das Tor zum Vatikan nicht öffneten. Ich glaube nicht, dass er am nächsten Morgen mit offenen Armen empfangen wurde. Aber er war nicht der Einzige, der so etwas tat. Wir reden immer noch von 20, 22-jährigen Jungs. – Cedric sagte mir am Telefon, bitte sei nicht enttäuscht, aber Alois Estermann wird mir einen Verweis geben. Es kam nicht gut an, dass Cedric ein Leben außerhalb des Vatikans lebte. – Hat Cedric deshalb zwei Menschen ermordet? Nach der Tat kursieren wilde Gerüchte über die Opfer. Estermann und Cédric seien homosexuell gewesen. Cédric habe ein Verhältnis mit der Ehefrau gehabt oder gar mit Beiden. Andere vermuten, Estermann sei Spion der Stasi gewesen oder Mitglied des erzkonservativen Opus Dei. – Die Untersuchung des Vatikans beschränkte sich darauf, einige der Schweizer Gardisten zu fragen, ob sie etwas darüber wüssten, dass ihr Kommandant ein Spion gewesen sei. Als Untersuchung scheint mir das doch ziemlich dürftig. – Nach neun Monaten legt der Vatikan den Fall zu den Akten. Die Ermittler übergeben Muguette Baudat die persönlichen Gegenstände ihres Sohnes, darunter auch die Kugel, mit der er sich getötet haben soll. – Ein junger Assistent nimmt die Kugel und schiebt sie über den Tisch zu mir rüber. Dann sagt er, "das ist die Kugel, die in Cédrics Kopf war". Ich war fertig. Es war, als ob sie mich getötet hätten. – Nur, die Kugel hat weder Kratzer noch Dellen, ist also nie abgefeuert worden. Eine perfide Geste, die Fragen aufwirft. Seit über zwei Jahrzehnten kämpft Muguette Baudat um Gerechtigkeit für ihren Sohn. Sie ist überzeugt davon, dass er unschuldig ist. Das Opfer eines Komplotts. War er vielleicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Sie verlangt Akteneinsicht, weist auf Ungereimtheiten hin. Diese wird ihr verwehrt, bis sich die italienische Anwältin Laura Sgrò des Falls annimmt. – Muguette hat viele Jahre beim Vatikan nachgefragt und nie eine Antwort erhalten. Ich habe erst nach 18 Monaten Zugang zum Untersuchungsbericht bekommen. Informationen und Antworten vom Vatikan zu erhalten, ist ein permanenter Kampf. Schließlich durfte ich den Untersuchungsbericht lesen. Allerdings mit absurden Einschränkungen. Mir wurde nach 18 Monaten lediglich erlaubt, ein paar Notizen zu machen, die ich mitnehmen durfte. Und das in ständiger Anwesenheit zweier Polizisten. Jedes Mal, wenn ich meine Arbeit am Vatikanischen Gericht mittags beendet hatte, musste ich, bevor ich gehen durfte, meine Notizen einem der Polizisten per E-Mail schicken. Ich konnte nur sehr wenige Erkenntnisse mitnehmen. Aber die Fotos vom Tatort durfte ich mir ohne Einschränkungen anschauen. Da gab es einige Fotos, auf denen die Ermittler keine Handschuhe trugen. Das habe ich gesehen. – Die Akten und Fotos beweisen, über 20 Personen halten sich unmittelbar nach dem Mord am Tatort auf. Und offenbar ohne Schutzkleidung. – Es fehlt unter anderem ein Gutachten über die Räumlichkeiten des Tatorts. Es gibt keine Vermessung des Raumes, es gibt keine Angaben über Entfernungen. Es wurde nicht einmal eine Blutuntersuchung durchgeführt. Das Blut hätte also von irgendjemandem stammen können und nicht von den drei Opfern, die dort gefunden wurden. Es wurden auch keine Fingerabdrücke genommen. All das lässt nichts anderes zu, als Zweifel über Zweifel aufkommen zu lassen. – Was aber glaubt die Anwältin nach all ihren Recherchen? – Die Frage ist doch, was Cedric in der Wohnung gemacht hat. Ich denke, dass er irgendwie dazu gebracht wurde, dorthin zu gehen. – Wenn dem so war, bleibt die Frage, wer ihn dazu brachte und warum. – Es ist bedauerlich, dass die Untersuchungen so schnell abgeschlossen wurden. Es gibt jede Menge Unstimmigkeiten und unnötige Behauptungen in dem Fall. Das kann ich heute mit Sicherheit bestätigen. Leider hat diese Eile den Fall abzuschließen dazu geführt, dass heute immer noch Zweifel am Tathergang bestehen. – Cedrics Mutter wird erst Ruhe finden, wenn sie weiß, was geschehen ist. – Ich will Cedric nicht reinwaschen. Ich will nur, dass der Vatikan mir beweist, dass Cedric die Tat begangen hat. Das ist alles. – Fast drei Jahrzehnte danach wollen die Gerüchte nicht verstummen. Manches erinnert an einen anderen Kriminalfall, der den Vatikan erschüttert hat. Die Entführung der 15-jährigen Emanuela Orlandi. Am 22. Juni 1983 verschwindet die Tochter eines Vatikanangestellten spurlos. Ihr Bruder Pietro Orlandi sucht seitdem nach ihr. – Wir hatten eine wunderschöne Kindheit, wenn man bedenkt, dass der Vatikan zu drei Vierteln aus Gärten besteht. Die Gärten waren unser Zuhause. Es lebten nur sehr wenige Familien dort. Wir ließen die Türen unverschlossen. Ich dachte, das Böse gäbe es nicht. – Die Familie Orlandi lebt seit Generationen im Vatikanstaat. Emanuela hat einen Bruder und drei Schwestern. Der Vater arbeitet in der Verwaltung des Heiligen Stuhls und kümmert sich um die Einladungen für die Papstaudienzen. Abgesehen von der außergewöhnlichen Wohnadresse ist Emanuela ein ganz normales Mädchen mit ganz normalen Träumen. – Sie sagte immer diesen Satz, der mir im Gedächtnis geblieben ist. Eines Tages werde ich berühmt sein und in allen Zeitungen stehen. – 22. Juni 1983. Emanuela bittet ihren Bruder Pietro, sie zur Musikschule zu bringen. Der lehnt ab, weil er seine Freundin treffen will. Die Musikschule liegt neben der Basilika Sant'Apollinare im Zentrum Roms. Als Emanuela am Abend nicht nach Hause kommt, ahnen die Orlandis sofort, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Die Sorge wird zur Gewissheit. – Vielleicht wäre es an jenem Tag nicht passiert, wenn ich sie begleitet hätte wie so oft. Ich brachte sie zur Schule und wartete, bis sie reinging. Nur an diesem Tag leider nicht. – Johannes Paul II. besucht damals gerade Polen. Das kommunistisch regierte Land ist die Heimat des Papstes. Dass die Polen ihn begeistert empfangen, ist den kommunistischen Machthabern ein Dorn im Auge. Johannes Paul II. unterstützt Solidarność, die erste Gewerkschaft des Landes, die nicht unter Kontrolle des Regimes steht. – Noch bevor wir die Vermisstenanzeige aufgegeben hatten, wusste die Entourage des Papstes in Polen über Emanuelas Verschwinden Bescheid. Wieso? – Nach seiner Rückkehr aus Polen betet Johannes Paul II. beim sonntäglichen Angelus für die Freilassung von Emanuela. Damit macht er den Fall öffentlich. – Ich versichere, alles in meiner Macht stehende zu tun, um zu einem glücklichen Ende dieser schmerzensreichen Sache beizutragen. – Er appellierte vor den Kameras der ganzen Welt an die Geiselnehmer, das Mädchen freizulassen. Das hat zu allen möglichen Spekulationen geführt. Denn ein Papst, der so etwas macht, muss doch etwas wissen. – Weihnachten 1983 besucht Johannes Paul II. Emanuelas Familie in ihrer Vatikanwohnung. Eine Geste, die Pietro Orlandi inzwischen kritisch sieht. – Ich bin überzeugt, dass er die Wahrheit kannte, wusste, was geschehen war. Er hat die Wahrheit über Emanuela und das Image der Kirche in die Waagschale gelegt. Und er hat seine Entscheidung getroffen. – Zwei Jahre zuvor, am 13. Mai 1981, ist der Papst selbst Opfer eines Verbrechens. Ein Attentäter mischt sich unter die Gläubigen auf dem Petersplatz. Er schießt auf das Oberhaupt der katholischen Kirche, das nur knapp überlebt. Noch am Tatort überwältigt. Der Türke Ali Agca, ein Mitglied der rechtsextremen Grauen Wölfe. Agca wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Tatmotiv ist unklar. Kam der Befehl, den antikommunistischen Papst zu töten aus dem Osten? Agca belastet erst Bulgarien, später Moskau, dann Washington und sogar den Vatikan. Ist es Zufall, dass Emanuela verschwindet, als das Oberhaupt der katholischen Kirche in Polen ist? Der Papst selbst beteiligt sich nicht an den Spekulationen. Er hüllt sich in Schweigen und verzeiht dem Attentäter im Gefängnis. Kurz nach Emanuelas Verschwinden taucht ein mysteriöses Tonband auf. Darauf die Forderung, den Papst-Attentäter Ali Agca freizulassen. Im Austausch gegen das Mädchen. Dann meldet sich der angebliche Entführer telefonisch im Vatikan. Er spricht mit amerikanischem Akzent. Vom Inhalt dieser Gespräche dringt nichts nach außen. Der Kontakt bricht nach einer Weile ab, Emanuela bleibt verschwunden. Ein Brief des Papst-Attentäters aus der Haft gibt neue Hoffnung. Agca schreibt, Emanuela sei noch am Leben. – Jahrzehntelang behauptete er zu wissen, wo Emanuela steckt. In einer Psychiatrie in der Türkei, in London und so weiter. Alles erfunden. Er hat nie konkrete Hinweise zum Wiederauffinden des Mädchens gegeben. – Theorien zum Verschwinden des Mädchens gibt es viele. Auch von Mädchenhandel, Sexpartys mit Geistlichen und schwarzen Messen ist die Rede. 25 Jahre nach Emanuelas Verschwinden gibt es eine neue Spur. Sabrina Minardi, die Ex-Geliebte eines ermordeten Mafiabosses, behauptet, dass dieser das Mädchen entführt und umgebracht habe. – Sie sagte, dass De Pedis mit seiner Magliana-Bande an der Entführung beteiligt war, allerdings nicht als Auftraggeber. De Pedis habe den Auftrag von jemandem aus dem Vatikan bekommen. – Begraben war der Mafiaboss in der Kirche Sant'Apollinare, neben der Musikschule, in der Emanuela zuletzt gesehen wurde. – Da lagen lauter hochrangige Kirchenmänner, Fürsten, Leute aus dem römischen Adel. Und dann auch De Pedis. Das war doch sehr erstaunlich. Wie kam er da nur hin? – Sabrina Minardi sagt weiter aus, dass Emanuelas Gebeine im Sarg des Bandenchefs lägen. Eine peinliche Angelegenheit für die Kirche. 2012 dürfen die Ermittler den Sarg des Mafiabosses öffnen. Doch von Emanuela keine Spur. Sabrina Minardi behauptet auch, an der Entführung beteiligt gewesen zu sein. Sie habe das gefangene Mädchen zu einem Treffpunkt nahe des Vatikans gebracht. Dort sei Emanuela in ein Auto mit Vatikan-Kennzeichen gestiegen. – Ich bin überzeugt, dass dieser Teil der Geschichte stimmt. Dass dies der Moment war, in dem Emanuela von den Entführern übergeben wurde und die Forderungen der Erpresser erfüllt worden waren. – Die Exgeliebte Minardi geht noch weiter. Der inzwischen verstorbene Erzbischof Marcinkus sei Auftraggeber der Entführung gewesen. Beweise für ihre Behauptungen hat die Mafia-Braut aber nicht. Tatsächlich war der Chef der Vatikanbank Marcinkus in mehrere Skandale verstrickt. – Wie Marcinkus in einem Interview mit der englischen Zeitung Observer sagte, der Kirche dient man nicht nur mit einem Ave Maria. – Die Rechtsanwältin Laura Sgrò vertritt die Familie Orlandi in dem vermissten Fall. – Ich glaube, dass das stimmt, was Minardi sagte, vor allem anfangs. Sie erzählte, De Pedis habe dafür gesorgt, dass die Sizilianische Mafia und die Neapolitanische Camorra ihr Geld in der Vatikanbank waschen konnten. – Kardinal Marcinkus, der Bankier Gottes, soll Gelder der Mafia auch an die Mailänder Ambrosiano-Bank geleitet haben, damals die größte Privatbank Italiens. Doch dann gerät das Geldhaus in finanzielle Schieflage. Beträchtliche Summen fehlen in den Bilanzen der Bank. Was ist mit dem Geld geschehen? Bankenchef Roberto Calvi gerät in Erklärungsnot. Ein Jahr vor Emanuelas Verschwinden wird Roberto Calvi in London ermordet. – Ich glaube, dass Marcinkus mächtig unter Druck geraten war, als seinen gefährlichen Freunden klar wurde, dass sie nach Calvis Tod keinen Cent mehr von der Vatikanbank erhalten würden. Er musste befürchten, das gleiche Ende wie Calvi zu nehmen. Er soll seine Freunde ja entsprechend beraten haben. Ich glaube aber, dass diese Behauptung reine Fantasie ist und Marcinkus nichts mit Emanuelas Verschwinden zu tun hatte. Jemand Bedeutenderes muss diese Entscheidung getroffen haben. – Nutzte der Vatikan Geld der Mafia, um gegen den Kommunismus in Polen zu kämpfen? Diente die Vatikanbürgerin Emanuela Orlandi der Mafia etwa als Druckmittel, um an die verlorenen Millionen zu kommen? Welche Rolle spielt hier die Vatikanbank? Fragen, auf die es bis heute keine Antwort gibt. Die Finanzen des Vatikans. Ein Problem, mit dem alle Päpste konfrontiert sind, die Veränderungen wollen. So wie Johannes Paul I., der lächelnde Papst, den die Italiener liebevoll "Papa Luciani" nennen. 1978 wählen ihn die Kardinäle zum neuen Stellvertreter Christi. Manche im Vatikan meinen, Johannes Paul I. sei eine Fehlbesetzung. Zu naiv für so viel kirchliche Macht. Doch sie täuschen sich. – Der erste Papst, der die Finanzen des Vatikans ordnen wollte, war Johannes Paul I., der 33-Tage-Papst. Er war entsetzt über das, was er vorfand. – Damals ahnt niemand, dass dies die letzten Bilder sind, die ihn lebend zeigen, nur 33 Tage nach der Wahl. – Luciani litt an Arthrose und Rheuma. Seine Schmerzen in der Brust führte er darauf zurück. Er hat das damals völlig unterschätzt. – Der frühe Morgen des 29. September 1978. Schwester Vincenza hat wie gewohnt eine Tasse Kaffee vor die Tür des Papstes gestellt. Weil die Tasse unberührt bleibt, betritt sie das Schlafzimmer, unerlaubterweise. Sie findet Johannes Paul I. leblos im Bett. Wie reagiert der Vatikan? Die Verantwortlichen verstricken sich in Widersprüche darüber, wer den toten Papst wie gefunden hat. – "Heute gegen 5.30 Uhr betrat der Privatsekretär des Papstes das Schlafzimmer seiner Heiligkeit, Papst Johannes Paul I. Er fand ihn tot auf seinem Bett und konnte feststellen, dass er etwa um 23 Uhr verstorben ist. Und zwar, wie es heißt, in unerwarteter Weise an einem Herzinfarkt." – Auf den ersten Blick ein rätselhafter Tod. Nach nur 33 Tagen im Amt. Schnell werden Zweifel laut. War es wirklich ein Herzinfarkt? – Sicherlich hat die schlechte Informationspolitik des Vatikans dazu beigetragen, weil nicht sofort zugegeben wurde, dass eine Ordensschwester das Schlafzimmer des Papstes betreten hatte. Das wurde als unsittlich angesehen. Um das zu verschleiern, hat man fatalerweise Halbwahrheiten verbreitet, was viel schlimmer war. – Wurde der Papst Opfer eines Mordkomplotts? Ein mögliches Motiv ist schnell gefunden. Es heißt, Johannes Paul I. habe die zwielichtigen Geschäftsbeziehungen zwischen der Vatikanbank und der kriminellen Privatbank Ambrosiano in Mailand beenden wollen, gegen den heftigen Widerstand von Erzbischof Paul Marcinkus, dem Chef der Vatikanbank. War der Papst kriminellen Machenschaften auf der Spur? Trotz gewisser Zweifel am Herztod von Johannes Paul I. kommt eine Obduktion für den Vatikan nicht in Frage. – Autopsien gibt es erst seit 1983 im Vatikan. Bis dahin waren dort Autopsien nicht erlaubt. Das galt nicht nur für Päpste, sondern für alle Menschen, die im Vatikan unerwartet starben. Ein Totenschein, ausgestellt von einem Arzt, genügte. Bei Johannes Paul I. unternahm die Familie nichts. Allerdings forderten einige Kardinäle eine Obduktion. Doch das Gesetz ließ es nicht zu. – Die Indizien sprechen scheinbar für einen natürlichen Tod des lächelnden Papstes. – Er starb an einem Herzinfarkt. Nach den Recherchen, die wir über sein Leben gemacht haben, und nach der Auswertung wichtiger Akten, kann ich das nur voll und ganz bestätigen. – Letzte Zweifel jedoch bleiben. Ist es Zufall, dass der kleinste Staat der Welt so viele dunkle Geheimnisse birgt? Ein mysteriöser Mehrfachmord in der Kaserne der Schweizer Garde, ein rätselhafter Papsttod und eine Entführung, die bis heute nicht aufgeklärt sind. Emanuela Orlandi ist 30 Jahre verschwunden, als die Kardinäle den Argentinier Jorge Mario Bergoglio 2013 zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche wählen. Ein Papst, der auf die Menschen zugeht. Sein erster Pfarrei-Besuch führt ihn in die Gemeinde Sant'Anna im Vatikan. Dort trifft er auch Familie Orlandi. – Wir hatten die Hoffnung, dass dieser neue Papst im Unterschied zu seinen Vorgängern uns irgendwie helfen würde. Als wir uns ihm vorstellten, nahm er meine Hand und meinte, "Emanuela ist im Himmel". In dem Moment gefror mir das Blut in den Adern. Die Tatsache, dass der Papst, ein Staatsoberhaupt, sagt, dass Emanuela tot ist, bedeutet doch, dass er etwas weiß. Aber die Mauer des Schweigens war höher als zuvor. – Nur wenige Monate später, im März 2014, schleichen Unbekannte in die Wirtschaftspräfektur des Vatikans. Sie entwenden geheime Dokumente aus einem Tresor. Darunter den Untersuchungsbericht der Kommission, die für den Papst Missstände in der Verwaltung aufdecken soll. – Wer diesen Tresor geöffnet hat, wusste genau, dass sich die geheimen Dokumente dort befanden. Das eigentlich Beunruhigende geschah aber wenige Wochen später. Bei der Präfektur kam ein anonymer Umschlag an, mit einem Teil der gestohlenen Dokumente, vor allem jenen, die Erzbischof Marcinkus betrafen. – Unter den wieder aufgetauchten Unterlagen befindet sich auch ein Dokument zum Orlandi-Fall. Es soll beweisen, dass der Vatikan jahrelang größere Summen nach London überwiesen hat, angeblich Geld für Emanuelas Unterhalt. – Ich glaube sehr an diese Dokumente. Zu lächerlich, dass der Vatikan kaum, dass sie aufgetaucht waren, sie als Fälschungen bezeichnet hat. Als ich fragte, was sie in einem Tresor machen, wenn sie gefälscht sind, haben sie mir nicht geantwortet. Ich glaube, dass Emanuela entführt und in eine kirchliche Einrichtung des Vatikans in England, nach London gebracht wurde. Davon bin ich überzeugt. – Doch warum sollte der Heilige Stuhl das tun? – Derjenige, der diese Dokumente verfasst hat, wollte zu verstehen geben, dass er weiß, was geschehen ist. Ich bin davon überzeugt, dass hinter dem Verschwinden von Emanuela eine Erpressung großen Stils steckte. – Jahrzehnte nach Emanuelas Verschwinden gibt es immer wieder neue Spuren. – Ich erhielt einen anonymen Brief, in dem stand, dass man, wenn man Emanuela finden will, dort suchen soll, wo der Engel steht. Zu dem Zeitpunkt haben wir schon die vatikanische Spur verfolgt. Es war nicht schwer, diesen Engel zu finden, denn es gibt zwei Beerdigungsstätten im Vatikan. Die Krypta von Santa Anna und dann den Deutschen Friedhof. – Nach fast einem Jahr kommt die Genehmigung, die Gräber zu öffnen. Beide sind leer. – Ich war sehr erleichtert. Meine Sorge war, sie dort zu finden. Meine Mutter hofft immer noch, dass sie lebt. Immer wenn ich sie treffe, sagt sie, "wenn du Emanuela findest, bringst du sie dann nach Hause". – 40 Jahre nach dem Verschwinden der Vatikanbürgerin rollt Papst Franziskus den Fall neu auf. – In diesen Tagen erinnern wir an den 40. Jahrestag des Verschwindens von Emanuela Orlandi. Zuallererst möchte ich noch einmal den Familienangehörigen mein Mitgefühl ausdrücken, vor allem der Mutter. – Über 40 Jahre Ungewissheit. Für Emanuelas Familie ein nicht enden wollendes Martyrium. Der Vater stirbt 2004 ohne zu wissen, welches Schicksal seiner Tochter widerfahren ist. – Mein Vater sagte kurz vor seinem Tod, "ich wurde von denen betrogen, denen ich gedient habe". Für manche scheint das ein normaler Satz zu sein, aber ich kannte meinen Vater. Es ist der Beweis, dass die Verantwortung beim Vatikan liegt. – Die von Papst Franziskus veranlassten Ermittlungen haben bis heute keine neuen Erkenntnisse gebracht. Am 21. April 2025 stirbt das Oberhaupt der katholischen Kirche. Was wird sein Nachfolger, Papst Leo XIV., tun, um die dunklen Geheimnisse im Machtzentrum der katholischen Kirche zu lüften? Die Familie von Emanuela Orlandi kämpft weiter. Für Wahrheit und Gerechtigkeit.
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| Titel | Tatort Vatikan – Geheimnisvolle Kriminalfälle | Terra X |
| Kategorien | BulkNews, Terra X History |
| Hinzugefügt | 2026-07-18 01:02:35 |
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