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🤖 Zusammenfassung
Die Dokumentation schildert die Flutkatastrophe im Ahrtal vom 14. Juli 2021, die mehr als 130 Menschen das Leben kostete. Trotz allgemeiner Wetterwarnungen zum Tiefdruckgebiet „Bernd“ fehlten konkrete, rechtzeitige und wirksame Warnungen für die Ahr-Region. Zuständige Stellen unterschätzten das Risiko massiv: Die damalige Umweltministerin Anne Spiegel verbreitete die irreführende Mitteilung, ein Extremhochwasser drohe nicht, und Landrat Jürgen Pföhler löste den Katastrophenalarm erst Stunden zu spät aus. Rheinland-Pfalz verfügte zudem über kein zentrales Überwachungssystem.
Betroffene berichten von dramatischen Rettungsversuchen, etwa am Campingplatz Dorsel, wo die Feuerwehrfrau Katharina Kraatz ums Leben kam. Zeugen aus Insul, Altenahr und Dernau schildern die plötzlich einbrechende Flut, zerstörte Häuser und den Kommunikationszusammenbruch. Geographen erklären, dass steile Hänge, Tunnel und dicht verbaute Talsohlen das Wasser beschleunigen und kanalisieren.
Kritisch bleibt: Warnungen existierten, wurden von Verantwortlichen aber nicht angemessen erkannt, weitergegeben und in Schutzmaßnahmen umgesetzt. Die Katastrophe deckte gravierende Lücken in der Warnkette, der Infrastruktur und der Hochwasservorsorge auf.
Summary created by "LinkBuster-KI HAL8999 – Status READY!!"
📜 Transkript
– Wir waren immer total stolz, in einer Region leben zu können, wo andere Menschen zur Erholung halt hinkommen. – Ich habe immer gesagt, man wohnt da, wo andere Urlaub machen. Also von daher fand ich es da immer schön. Aber tja, ist halt jetzt nicht mehr. – Ich denke, jeder geht mit so einem Verlust anders um. Uns hat es eben aus der Bahn geschmissen. Ich habe in der Nacht alles verloren. Es ist nichts übrig geblieben. – Das waren schon Momente, die man nicht vergessen wird in seinem Leben, die prägend sind. – Ich bin einmal durch die ganze Wohnung gespült worden und dann raus in die Ahr. – Ich weiß, dass 135 nicht gerettet werden konnten. Aber dass man zusammen sehr stark sein kann und auch so eine Katastrophe bewältigen kann. – Guten Abend. Die ganze Woche über werden wir es mit dem Unwetter-Tief Bernd zu tun haben. – Auch am Mittwoch und in der Nacht zum Donnerstag muss mit teils heftigen Niederschlägen gerechnet werden. Es hat vor allen Dingen in der Südwest- und in der Westhälfte bereits kräftig geregnet. – Der von Gewittern durchsetzte Dauerregen setzt schon heute Abend in der Schweiz ein und wird morgen auch Nordrhein-Westfalen erreichen. – Wirklich auf die Flusspegel achten, das kann richtig gefährlich werden. – Das Ganze geht entsprechend einher mit der Gefahr von überfluteten Straßen, Schienenwegen und überfluteten Kellern. – Was es gab, was glaube ich auch die meisten in den normalen Nachrichten gesehen haben, waren die Warnungen. Da ist ein großes Tiefdruckgebiet. Das wird irgendwann abregnen in Deutschland wohl. Wo genau? Das hat sich nicht so richtig konkretisiert. – Vom nördlichen Saarland über die Eifel bis zum Niederrhein und ins Ruhrgebiet. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland und Hessen. – Teilweise können auch um 160 Liter pro Quadratmeter dort fallen. Seien Sie also vorsichtig. – Es gab extreme Niederschläge. Und wenn das in der Fläche runterkommt, dann kann es hier relativ schnell kanalisiert werden. Also steile Hänge in den Bachsystemen oder auch an der Ahr selber sorgen dafür, dass wie in einem Trichter das ganze Wasser recht schnell gesammelt wird. Wir konnten sehen, dass der Wasserstand extrem schnell ansteigt. Und das, was am Oberlauf registriert wird durch die Pegel, wird zwangsläufig ja auch irgendwann an der mittleren und unteren Ahr ankommen. – Der Lauf der Ahr. Von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein sind es 85 Flusskilometer. Von den Höhen des Ahrtalgebirges fließen viele Bäche ins Tal, die bei Starkregen zu reißenden Strömen werden können. Am frühen Nachmittag des 14. Juli 2021 erreicht die Flutwelle den Campingplatz bei Dorsel. Gegen 14.30 Uhr gehen die ersten Notrufe aus dem oberen Ahrtal bei der Feuerwehr ein. Auch die Freiwillige Feuerwehr aus dem neun Kilometer von Dorsel entfernten Barweiler wird zur Unterstützung angefordert. Hier wohnen Frauke und Udo Kraatz. Sie haben eine Tochter, Katharina. – Die Feuerwehr ist eigentlich in allem involviert, sobald irgendwas ist. Meine ganze Familie war bei der Feuerwehr. Mein Vater war bei der Feuerwehr, meine Brüder, mein Opa. Eigentlich sind wir eine Feuerwehrfamilie sozusagen, aber das sind viele hier. Ein Familienmitglied ist mindestens von jedem irgendwie in der Feuerwehr gewesen. – Aber ihr wart die Ersten, wo nicht Sohn und Vater in der Feuerwehr waren, sondern Tochter und Vater. – Dann habe ich manchmal meine Klamotten mit nach Hause genommen und habe sie dahingestellt. Stiefel, Helm, Handschuhe, Jacke. Da hat sie sich mit vier Jahren, glaube ich, das erste Mal die Stiefel geholt und die Handschuhe und den Helm angezogen. Und ist durch die Wohnung gestapft. War ihr sehr wichtig, die Feuerwehr. – Ja, Katharina hatte ein T-Shirt. Gute Mädchen kommen in den Himmel, die Besten sind bei der Feuerwehr. Da hätte man manchmal so ein bisschen eifersüchtig werden können, welchen Zusammenhalt die beiden hatten, auch durch die Feuerwehr. – In Barweiler machen sich Katharina, Udo und ihre Kameraden bereit für ihren Einsatz. Ihr Ziel ist ein Campingplatz bei Dorsel, der direkt an der Ahr liegt. Hier beginnt um 16.30 Uhr die Katastrophe. Bilder eines anderen Campingplatzes in der Nähe. – Dass es Hochwasser gab, war bekannt, oder das kam. Aber dass es so schlimm wird, hat keiner geahnt. Wir sind am Anfang zu dem Campingplatz, da war sie noch bei. Und dann sind wir dann dahin, um nach dem Rechten zu gucken. Es war noch gar nicht bekannt, dass überhaupt noch Leute auf dem Campingplatz wären. Dass da Leute richtig gewohnt haben, das wussten wir ja gar nicht. Ich kann mich erinnern, da lief das Wasser schon über den Platz. Da kamen dann Camper und eine Frau und ein Mann mit Hunden. Und die sagten dann, jetzt sind noch Leute in den Mobilheimen drin. Und dann haben wir dann begonnen, zu evakuieren. – Die Erinnerung an einen dramatischen Moment. – Katharina Kratz macht sich auf, um in den Mobilheimen nach Menschen in Not zu suchen. – Da haben wir auf der Anfahrt hin noch Spaß gemacht und so. Und dann geht sie dann um die Ecke rum und kommt nicht mehr wieder. – Am nahegelegenen Nürburgring sind die Flugretter der Johanniter stationiert. Rettungsassistent Tobias Michels hat Dienst. – Es war eigentlich ein relativ ruhiger Tag. An dem Nachmittag sollten wir eigentlich in den Westerwald fliegen zum internistischen Notfall. Und sind dann während dem Start umgeleitet worden zu dem Campingplatz Stahlhütte. Beim mehrfachen Überfliegen konnte man dann schon sehen, die Mobilheime und Campingwagen, die standen eigentlich noch alle so, wie sie abgestellt waren. Und das Wasser stieg einfach nur. Man konnte noch sehen, dass Taschenlampen aus diesen Wohnwagen rausleuchteten, um auf sich aufmerksam zu machen. Und da wir dann die Kommunikation zur Feuerwehr nicht wirklich hatten, mussten wir dann irgendwann mal zwischenlanden auf einer Kreuzung im Nahbereich, um uns da mit der Feuerwehr dann abzusprechen. Und die sagten, es sind halt eben noch Menschen eingeschlossen, die wir nicht mehr rausbekommen, auch noch Feuerwehrleute, die mittlerweile nicht mehr rauskommen aus diesem Campingwagen. Und da wir keine Seilwinde hatten, haben wir gesagt, okay, lass uns doch einfach Seile nehmen und die Leute anbinden und sie irgendwie ans Ufer ziehen. Und das war eine kurze Absprache in der Crew. Und dann haben wir das einfach durchgezogen. Jeder hat ein Messer, um das Seil im Notfall abschneiden zu können. – In einem Mobilheim hat die Feuerwehr eine kranke Frau gefunden. Katharina Kraatz bleibt bei ihr, während die Kollegen eine Trage holen. Doch die ansteigende Flut macht eine Rückkehr der Kollegen unmöglich. – Wo dieser Campingwagen genau stand, wo Katharina sich aufhielt, das war uns nicht bekannt. Und wir haben einfach irgendwo angefangen, wo es für uns am sinnvollsten war. Wo die Leute schon mehr oder weniger auf dem Dach waren. Wir konnten also gar nicht verifizieren, wo ist denn jetzt überhaupt noch irgendjemand. Weil das auch einfach nur ein chaotisches Durcheinander dieser Campingwagen war. – Es ging so schnell mit dem Wasser. Da kamen schon die ersten Wohnwagen und Mobilheime geschwommen. Und dann sind die unter der Brücke durch. Ein Geräusch, als wenn sie durch den Schredder gingen. Kann sich keiner vorstellen, der nicht dabei war, was da abgegangen ist. Dann kam der Hubschrauber und da hatten wir noch Hoffnung gehabt. Nachdem wir den Campingplatz das letzte Mal erkundet haben aus der Luft, sind wir noch einmal zwischengelandet. Dann kam Udo auf uns zu und wollte natürlich wissen, was jetzt mit seiner Tochter ist. Und da ist uns dann bewusst geworden, okay, Katharina war jetzt nicht dabei bei den Geretteten. Also muss sie noch irgendwo sein. Und dann mussten wir, das hat der Arzt dann gemacht, den Udo an die Seite nehmen und sagen, wir haben sie nicht gefunden. Wir haben sie einfach nicht gefunden. – Aber war ja nichts mehr da. – Katharina war nicht unter den Geretteten, aber der Campingplatz war einfach tatsächlich leer. Da war also kein Mobilheim mehr, kein Campingwagen, da war nur noch braunes Wasser, aber nichts anderes mehr. Im Nachhinein, wenn sie im Krankenhaus gewesen wäre, mit dem Rettungswagen weggefahren worden wäre, dann hätte ich das gewusst, weil die alle Katharina kannten. Aber das Gefühl bleibt hartnäckig. – Im Landtag von Rheinland-Pfalz wird an diesem Nachmittag debattiert, auch über Hochwasserschutz. – Wir kommen damit zum Tagesordnungspunkt Eins der aktuellen Debatte. – Wetterwarnung vor massiven Überflutungen, die gab es zu dem Zeitpunkt schon. Ich saß am Livestream bei mir zu Hause in dieser Landtagsdebatte und Anne Spiegel, die damalige Umweltministerin, trat also ans Rednerpult und hielt eine flammende Rede für den Hochwasserschutz. – Für die Landesregierung hat Staatsministerin Spiegel das Wort. – Wir reden heute über Starkregenereignisse und daraus resultierende Überschwemmungen und Hochwasser. Und ja, das Thema könnte aktueller nicht sein. – Sie hat darauf hingewiesen, dass Rheinland-Pfalz gut aufgestellt sei, sich auf den Weg mache, idealerweise sich vorzubereiten, noch besser auf die Situation des Klimawandels. Und dass man da in der Zukunft Pläne verfolge, wie man auch Starkregenereignissen besser begegnen könne. – Vor allen Dingen an die Flussanlieger, auch an Campingplatzbetreibende gerichtet, hier die Situation eng im Blick zu behalten und gegebenenfalls dann auch sofort Vorkehrungen zu treffen. – Dann kam eben um 16.42 Uhr diese heute sehr legendäre Pressemitteilung von Anne Spiegel, in der der Satz drin stand, ein Extremhochwasser droht nicht. – Das war natürlich eine fatale Fehleinschätzung, die auch Leute in Sicherheit gewogen hat und die letztlich auch dazu geführt hat, dass das System vor Ort nicht angelaufen ist. – Und man muss dazu sagen, dass die Ahr an diesem ganzen Tag überhaupt keine Rolle spielte. Die Ahr kam überhaupt nicht vor in keiner Kommunikation. – Dabei wird die anschwellende Flut schon jetzt lebensbedrohlich. – Ja, das Katastrophenschutzsystem Rheinland-Pfalz hatte zu diesem Zeitpunkt keine zentrales Überwachungssystem. Und deswegen gab es ein Nebeneinander von verschiedenen Stellen, die Informationen sammeln und weitergeben. So haben wir einen Akteur, das ist das Ministerium für Umwelt mit damals Anne Spiegel an der Spitze, die für den Hochwasserschutz und das Warnsystem letztlich zuständig sind. Und die haben natürlich zunächst mal die Aufgabe, aus sachlich-fachlicher Sicht die Wetterdaten, die reinkommen, zu bewerten und die auch so adäquat weiterzugeben, dass andere Stellen verstehen, was letztlich auf sie zukommt. Und die Pegelprognose der Ahr, die war am Vortag erstmal bei zwei Metern, dann gingen sie hoch auf 3,20 Meter, 3,50 Meter. Jetzt hatten wir fünf Jahre vorher, 2016, ein damals sogenanntes Jahrhunderthochwasser. Das war hier am Pegel in Altenahr bei 3,71 Meter. Und als ich dann bei meinem stellvertretenden Wehrleiter in der Feuerwehrzentrale war, in dem Moment gingen die Pegelprognosen hoch auf 5,50 Meter. Dann guckt er nur an und sagt, lassen Sie den Katastrophenalarm ausrufen. – Doch sie selbst kann es nicht. Der Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler, ist befugt diesen Vorgang auszulösen. Cornelia Weigand ruft ihn mehrfach an. – Ich bin da nicht selber zum Landrat durchgedrungen, ich bin vorher abgefangen worden, hab das gesagt, dann hieß es, wir müssen was klären, wir rufen Sie zurück. – Die Sachlage ist doch eigentlich klar, da kommen mehr als fünf Meter Flut, also muss ich warnen. Und sie ist stundenlang vertröstet worden, weil auch der persönliche Referent von Jürgen Pföhler ihn offensichtlich nicht ans Telefon gekriegt hat. Pföhler hat sich im Krisenstab in der Nacht genau zweimal blicken lassen. Das eine Mal so gegen 17 Uhr, da ist er dann mal aufgeschlagen und hat sich Informationen geholt. Und das zweite Mal, als Innenminister Roger Lewentz zu Besuch kam, das war genau von 19. 20 bis 19.30 Uhr. Davor und danach ward Jürgen Pföhler nicht gesehen. – Der Landrat war offenbar völlig überfordert von der Situation. Er ist in dem Landkreis der oberste Katastrophenschützer. Es gab Zeugenaussagen, dass er Nachbarn gewarnt hatte, damit die sich schützen können. Aber als Landrat hat man nun mal die Verantwortung für alle Menschen in dem Kreis und hätte sie auch alle warnen müssen. – Erst um 22.04 Uhr löst der Landkreis den Katastrophenalarm aus. Viel zu spät, sagen Kritiker. – Es ist der Eindruck entstanden eines Politikers, der sich vor allen Dingen um sich selber kümmert. Und der eben nicht als Kapitän auf der Brücke steht und seinen Job macht als Krisenmanager. – Bei allem, was an Verantwortung sicherlich zu thematisieren ist, steht über allem die schiere apokalyptische Dimension, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann. – Einer der Ersten, der sich einen Überblick verschafft, ist der Rettungspilot Stefan Goldmann. – Ich dachte, das kann irgendwie, das ist völlig surreal, dass sich ein Haus auf der Stelle dreht und einfach in den Fluten verschwindet. Und dann kam mir die Idee, wir müssen das aufnehmen und wir müssen einen Weg finden, das so schnell wie möglich publik zu machen, sag ich mal. Hab dann so einen Art Hilferuf rausgegeben an die entsprechenden Stellen, an die Leitstellen und hab gesagt, hier, schickt was ihr könnt, macht was ihr könnt, das hab ich noch nie erlebt, sowas. Und hier brauchen alle Hilfe und es eskaliert gefühlt gerade. – 20 Flusskilometer abwärts vom Campingplatz in Dorsel liegt die Ortsgemeinde Insul mit rund 500 Einwohnern. – Mein Name ist Oliver Grieß. Ich bin 58 Jahre alt. Ich bin gebürtig aus dem Westerwald. Ich bin damals nur der Liebe wegen an die Ahr gezogen. Ich hab zeitweise da im Sommer schon mit einem Stuhl drin gesessen und da wurde dann halt die Hüfte nass. Und dann konntest du dich schön mit einem Kaffee oder mit einem Buch abkühlen, in die Ahr setzen und ja, ist dann leider anders gekommen 2021. Man hat zwar Tage vorher von Regen und etwas mehr Regen geredet, auch von Literzahlen auf den Quadratmeter, die man sich aber, wenn man das nicht vor sich gesehen hat, eigentlich nicht vorstellen konnte. Die Ahr entsteht ja oben in Blankenheim. Meine Lebensgefährtin hatte damals alle Stunde mal den Pegelstand verfolgt und irgendwann war der Pegelstand nicht mehr verfolgbar, weil der Pegel dann wohl schon weggerissen wurde. Und dann wurde uns unten natürlich klar, jetzt wird wahrscheinlich einiges kommen. Und so kam es auch. – Also wie Sie sehen, es fließt, es fließt, es fließt. Es fließt ganz schön viel, es fließt ganz schön schnell. – Es gibt da auch noch ein Video von, wo sie im Wohnzimmer steht und die Ahr ist immer mehr angeschwollen und immer mehr angeschwollen. – Ich bin jetzt gerade nicht draußen, Oliver ist gerade in Gummistiefel unterwegs und versucht noch Pumpen und sowas anzuschließen, die wir noch haben. Aber es sieht nicht wirklich gut aus. Unser Flüsschen macht sich gerade ziemlich dick und breit und fett und hoch und überhaupt. – Es kam noch unsere Nachbarschaft drüber und wollten einfach mal hören, was wir so machen oder wie wir uns irgendwie was weiter vorstellen, weil keiner wusste, was so eigentlich passiert. Also da kam ja überall, von überall kam Wasser. Als dann soweit gewesen ist, dass es nicht mehr anders ging, wurden die Straßen schon dermaßen überflutet. Dass auch kein Rückzug mehr möglich gewesen wäre in das andere Haus. Es blieb also nur noch die Möglichkeit, bei uns dann auf dem Dachboden Schutz zu suchen. Und das war halt der Fehler, weil dieses Haus, wo wir jetzt drin waren, dann zur Flutkatastrophe, war ein Fertighaus. Und das Haus von den Nachbarn war ein massives Haus. – Gegen 19 Uhr flüchten Oliver Grieß, seine Lebensgefährtin, die Nachbarn, zwei Hunde und eine Katze ins Dachgeschoss ihres Hauses. – Also ich hatte nur einen Bademantel an, weil ich mir was Trockenes anziehen wollte. Und ich bin dann nach unten gegangen und stand tatsächlich auch schon hüfthoch im Wasser drin. Also das Wasser kam schon soweit durch die Abflüsse hoch. Und dann habe ich in Richtung Küchenfenster geguckt. Aber in diesem Fenster haben sie kein Licht mehr gesehen, sondern nur noch Wasser. Das war, als wenn sie in einem Aquarium standen und nach außen ins Wasser guckten. Und ich bin dann einmal komplett durch die ganze Wohnung gespült worden, auf die Wohnzimmerwand zu. Und dann hat diese Wand aber auch wie so ein Dominoeffekt durch die Wassermassen nachgegeben, sodass ich nicht durch die feststehende Wand geschleudert wurde, sondern einfach nur dann mit der Wand raus in die Ahr. Aber ich weiß nur, dass ich dann nachher irgendwann auf dem Stück der Brücke, wo dieser Baum noch stand, dann irgendwie wach geworden bin oder zu mir gekommen bin und dann realisiert habe, Haus ist weg. Und im Haus waren auf dem Dachboden Personen, Nachbarn, Kinder, Hunde, unsere Katze, meine Lebensgefährtin, sind auch weg. Und dann hast du irgendwann die Resignation. Dann ist es dir eigentlich egal. Weil in dem Moment hatte ich keine Perspektive. Ich war der felsenfesten Überzeugung, du bist der Einzige, der jetzt hier von der Familie und so was überlebt hat. Ich hatte für mich abgeschlossen. Ich habe gesagt, egal wie das jetzt hier ausgeht, entweder schaffst du das so, wie du jetzt hier stehst, oder du schaffst das eben nicht, aber dann beendest du das selbst. Da hatte ich mir alles schon ausgerechnet, wie ich das mache. Ich wollte also nicht warten, bis die Ahr mir ein Ende macht, sondern das Ende hätte ich selbst gemacht. Es kam ja alles an mir vorbei geschwommen. Ob jetzt kaputten Wohnwagen oder Gastanks oder Leichen oder Tiere oder irgendetwas in die Richtung, es kam in der Nacht alles… Ich denke mal, es waren um die 15 Stunden wohl gewesen. – Erst am nächsten Tag wird er erfahren, was mit seiner Lebensgefährtin und den Nachbarn geschehen ist. 15 Kilometer flussabwärts von Insul liegt Altenahr mit seiner historischen Burgruine. Hier ist einer der wichtigsten Pegelmesser im ganzen Ahrtal installiert. Geograph Thomas Roggenkamp ist Experte für Extremhochwasser. – Wir sind hier in Altenahr. Man spricht immer von der Höhe über dem Pegel-Nullpunkt. Das ist in etwa hier die Talsohle, die Flusssohle. Hier sind wir bei null Metern, wo wir gerade stehen. Das heißt, hüfthoch wäre es etwa ein Meter. Normalerweise fließen hier etwa sechs Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch. 2021 schoss das in die Höhe auf über 1000 Kubikmeter pro Sekunde. Dort hinten stand das Pegelhäuschen und irgendwann im Laufe des Abends wurde dieses Pegelhäuschen zerstört und die Pegelaufzeichnungen reißen dann auch entsprechend am Abend des 14. irgendwann ab. Wenn wir uns anschauen, wie der Wasserstand sich entwickelt hat in den Tagen vorher, hat sich dieses Hochwasser gar nicht angedeutet. Hier in der Ahr zumindest nicht. Wir sehen einen gleichbleibenden Wasserstand und erst am 14. Juli selber und auch erst ab Mittag im Prinzip schießt plötzlich der Wasserstand hier in die Höhe. Am Abend, als der Pegel abgerissen wurde, reißen die Aufnahmen ab und wir wissen nur noch bis zu diesem Zeitpunkt, welchen Wasserstand wir eigentlich hier erreicht haben. Es gab zwar Prognosen, die auch die weiteren Stunden im Blick hatten und man ging damals davon aus, dass das Ganze hier auf sieben Meter Höhe ansteigen würde. Tatsächlich wurden allerdings zehn Meter erreicht. – Über sechs Meter mehr als beim letzten sogenannten Jahrhunderthochwasser von 2016. Die Flut fünf Jahre später sprengt alle Maßstäbe. – Wir sind hier in Altenahr. Das ist der Schicksalspegel, von dem alle gehört haben. Der ist im Laufe des Abends abgerissen. Der Fluss ist hier mit einer unglaublichen Geschwindigkeit längs gedonnert. Der hat eine Fracht dabei gehabt von Hausteilen von Bäumen, von großen Asphaltplatten aus der Straße. Hier die ganzen Uferseiten von der Brücke waren überspült, die Geländer zerstört. Wir haben im Geländer auch einen ersten Toten gefunden. Oben hier auf den Terrassen von dem Hotel stecken frische Bäume, die es weiter oben ausgerissen hat durch die Flut. Also hier war sehr viel Zerstörung. – Die Region ist hochwassererprobt. Doch die bewährten Vorkehrungen reichen nicht aus. – Ich weiß von Nachbarn, wo die Schwester kam und sagte, pack doch einen Koffer, dann kommt ihr zu uns und morgen räumen wir zusammen auf. Das Wasser ist unter das Dach gekommen, das Haus ist zusammengebrochen und die Dame hat das nicht überlebt. Und solche Geschehen, Situationen gab es mehrfach. Da oben war das Büro mit dem Balkon. Da habe ich auch abends, soweit es ging, gestanden und dann telefoniert. Im Erdgeschoss, 1,80 Meter, zwei Meter hoch stand das Wasser, wo auch dann der große Tresor mit den Akten und den Siegeln umgefallen ist. Zwei Tonnen, da kann man sich dann vorstellen, wie viel Bewegung da auch war. Es gab immer wieder Kontakt zwischen den einzelnen Feuerwehren. Aber dadurch, dass die ganzen Systeme erst wegen Überlastung und nachher aufgrund der Zerstörung durch diese Wassermassen, wo die Mobilfunkmasten keinen Strom mehr bekommen haben und die ganze Kommunikation zusammengebrochen ist, war das dann immer verinselter. Also nachher war jedes Dorf mit der eigenen Feuerwehr im Ort eine Insel. Auf allen Ebenen müssen wir daraus lernen, was das bedeutet, wenn so viel mehr kommt, als das überhaupt vorstellbar war. Wenn man dachte, man wäre schon gut vorbereitet. Und die Art von Vorbereitung pulverisiert sich in so einer Situation. – Die Ahr schlängelt sich durch die Berglandschaft. Eigentlich eine natürliche Bremse für die Wassermassen, wären da nicht die Tunnel. – Wir sind hier am Ortsausgang von Altenahr. Je nachdem, wie groß ein Hochwasser im Ahrtal ist, kürzt die Ahr hier durch den Tunnel ab. Normalerweise nimmt die Ahr hier einen Bogen, etwa vier, fünf Kilometer lang und kommt hier wieder raus. Bei einem Hochwasser kürzt die Ahr durch den Tunnel ab. Der Höhenunterschied, der sonst über fünf Kilometer überwunden wird, wird dann über gerade mal 200 oder 300 Meter überwunden. D.h., das Gefälle wird sehr steil. Und dementsprechend ist die Fließgeschwindigkeit sehr hoch, wenn das Wasser hier aus dem Tunnel rauskommt. 2021 war die Gewalt des Wassers hier so extrem, dass der Boden binnen kürzester Zeit erodiert wurde. Die Gebäude, die hier standen, wurden stark beschädigt oder sogar zerstört von diesem Hochwasser. Man hat diesen Ort nicht als gefährlich eingestuft. Das hätte man aber machen können, denn die Historie hat gezeigt, dass das, was hier 2021 geschehen ist, schon mal 1910 geschehen ist. Wir sehen bei dieser Fotoaufnahme, das ist der Tunnelauslass. Und auch hier wurde der gesamte Raum erodiert. Und hier sieht man das Foto dieser Straßenarbeiter, die dann versucht haben, das alles wiederherzustellen. Also viele Informationen, viel Wissen liegt eigentlich vor. Nur wir müssen es auch nutzen und umsetzen, wenn es darum geht, heute Räume zu planen und zu überlegen, wo haben wir gefährdete Räume, wo haben wir Räume, wo wir Gebäude aufbauen oder besser nicht. – Rund acht Kilometer flussabwärts von Altenahr liegt Dernau. – Ich heiße Sebastian Tetzlaff, ich bin 41 Jahre alt, bin gelernter Tischler, selbstständig und wohne in Dernau. Ich habe das alte Haus 2016 gekauft, nach meiner Trennung. Und dann wurde es halt auch so zum Projekt der Trennungsverarbeitung, oder der Scheidungsverarbeitung. Ich war dann alleine und habe im Prinzip das ganze Haus komplett kernsaniert. Ja und dann war ich im Mai vor der Flut sozusagen mit dem letzten Pinselstrich fertig. Und dann hatte ich zwei Monate im fertigen Haus und dann war es wieder weg. – Die Flut erreicht Dernau gegen 19 Uhr. – So, also, die schöne Scheiße kommt. Man kann es da sehen. Es ist nur noch der kleine Wall. Die Kanäle sind voll, Wasser drückt sich hoch. Jetzt nur die Frage, wie lange es dauert, bis es rüberkommt. Ich kann mich noch daran erinnern, ich bin die Ahr abwärts gefahren. Da war natürlich schon Hochwasser, aber in einem Rahmen, wie wir es halt so kennen. Wasser war hoch, aber immer noch da, wo es hingehört. Und dann bin ich abends noch zum Sport gefahren. Danach fing dann quasi das ganze Drama an. So ab acht, viertel nach acht, würde ich sagen, habe ich das noch so im Kopf. So Leute, das hat die Welt noch nicht gesehen. Ich gehe gerade auf der Hauptstraße. Mein Auto säuft ab. Ich stehe hier knietief im Wasser. Es läuft alles voll, Katastrophe. Wenn abends sich jemand dahingestellt hätte und hätte gesagt, wir müssen hier das ganze Dorf evakuieren. Heute Nacht passiert hier eine Katastrophe. Hier steht nachher sechs Meter das Wasser auf der Straße. Da hätte ja jeder gesagt… Genau. Also Leute, das ist unglaublich. Ich weiß nicht, ich fange gleich an zu heulen. Guckt euch das mal an. Das läuft gleich durchs Fenster in mein Wohnzimmer rein. Hier ist Katastrophe. Das ist diese surreale… Absolute Katastrophe. Dass man das erstmal einfach begreift, was da wirklich, was da einfach passiert ist. Ja, das kommt rein. Ich hatte mit Achtung alles mit Folien abgedichtet und Sandsäcken. Aber… ach du Scheiße. Guckt euch das an. Auf meinem Hauptstromkasten. Alles läuft hier voll. Ich werde beinahe selber im Keller ertrunken. Obwohl ich weiß, wenn Hochwasser ist, geht man nicht in den Keller. Als ich hinten war, brach auf einmal oben aus der Decke so ein großer Bruchstein raus. Und dann lief der ganze Keller innerhalb von drei Sekunden voll. Leute, das ist unglaublich. Hier war ich gerade noch drin, vor zehn Sekunden. Dann hat es bumm gemacht, ja? Und jetzt ist mein ganzer Keller voll. Und dann habe ich es wirklich nur noch mit aller Kraft geschafft, umdrehen, nach vorne. Hab mich an der Treppe hochgezogen und dann entstand danach das erste Video. Hier mein ganzes Haus stürzt bald ein. Ich verliere die Nerven. Noch mehr! Jetzt hier! Jetzt! Es bricht alles ein, ich glaube, mein ganzes Haus stürzt ein! Ich gehe nach oben. Man hat ja auch mit verschiedenen Leuten noch telefoniert, mit meinem Vater. Da habe ich gesagt, jetzt läuft das Wasser bei dir in die Wohnung. Dann hat mein Vater gesagt, hör auf mich zu verarschen. Wie soll das denn gehen? Leute, ich bin am Arsch. Könnt ihr das sehen, das Wasser vor der Haustür? Ich sauf ab. Das ist hier am Arsch, alles am Arsch! Und dann hat man Stufe für Stufe sich irgendwie so zurückgezogen und hat das erstmal versucht zu begreifen. Ja, Leute, hier steht das Wasser. Das ist meine Haustür. Ihr seht, wie das Wasser davor… das ist eine Katastrophe. Dann wurde es immer klarer, das hier ist eine Riesenkatastrophe. Fuck! Leute, das Wasser, guckt euch das an, wo das steht. Mittlerweile habe ich den Schock überwunden. Es ist alles am Arsch. Und auf einmal kommt das Auto von dem Nachbarn da hinten vorbeigeschwommen. Mit Warnblinker an. Hier kommen Autos vorbeigeschwommen. Das Auto von meinem Nachbarn. Das Auto von meinem Nachbarn schwimmt hier vorbei. Ja, so richtig für mich, wenn ich das jetzt alles erzähle, merke ich einfach so, wie surreal das war. Jetzt kippt das Gerüst vom gegenüberliegenden Haus auf meine Seite. Ja, und dann kam auf einmal das erste Mal der Gedanke mit der Oma. Ich war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass sie gar nicht in ihrer Wohnung ist. Und dann sagte meine Ex-Frau mir irgendwann, wir konnten dann noch einmal telefonieren um zehn. Die Mama ist noch in ihrer Wohnung. Als wir das dann wussten, war es dann schon zu spät, weil wir nicht mehr rüberkamen. Und dann hat sie angefangen zu rufen. Und bin dann quasi über mein Dach raus, über das Dach vom Nachbarn und hab dann quasi hier oben, wo die Dachrinne ist, auf dieser Ecke gesessen, weil ich hier die Einfahrt nicht überspringen konnte. Und da die Wohnung von der Ex-Schwiegermutter. Man hat das ja anhand der Schreie gehört und auch am Wasserpegel. Also ich hab ja gesehen, wie hoch das Wasser in der Straße steht. Und die gegenüberliegenden Fenster waren ungefähr auf der gleichen Höhe. Jetzt ist das Wasser Oberkante Fenster. Dann hat sie vielleicht noch 20, 30 Zentimeter bis zur Decke. Und dann wurden die Schreie schon ein bisschen ruhiger. Holt mich hier raus, Hilfe, holt mich hier raus! Und ich konnte einfach nicht. Wenn ich es ändern könnte, würde ich es ändern. Dann würde ich es anders machen. Wie versteinert saß ich auf dieser Dachecke und hab das einfach so erlebt. Jetzt müssen wir damit leben. Leute, das ist unfassbar. Das glaubt mir doch kein Mensch. – Kaum ein Haus in Dernau bleibt unbeschädigt. – Hier in Dernau sehen wir ganz deutlich das für die Ahr typische Kerbsohlental. D.h., wir haben recht steile Hänge und in der Mitte eine komplett flache Talsohle. Bei Hochwasser wird diese Talsohle überströmt. Das ist das natürliche Überflutungsgebiet der Ahr. 1804, bei dem schweren Hochwasser, war Dernau noch kaum bewohnt, kaum besiedelt. Es standen wenige Häuser hier. D.h., der Fluss hatte Raum, um auf der Talsohle abzufließen. Dieser Raum ist heute nicht mehr gegeben. Wir sehen, dass der gesamte Talsohlenbereich bebaut ist. Das bedeutet, bei einem Hochwasser trifft das Wasser auf die Gebäude, muss um diese Hindernisse herumströmen. Aber seitlich wird es begrenzt durch die Hänge. D.h., für das Wasser gibt es nur einen Weg, den es nehmen kann, nämlich nach oben. – Elf Menschen sterben in Dernau. Auch in den angrenzenden Regionen wütet das Unwetter. Bilder aus Nordrhein-Westfalen. Die Katastrophe macht vor Ländergrenzen nicht halt. Belgien und Luxemburg haben ebenfalls Tote zu beklagen. Doch nirgendwo sind es in dieser Nacht so viele wie im Ahrtal. – Auf der lokalen Ebene ist ganz viel passiert, in den Orten. Die Freiwilligen Feuerwehren haben einen heroischen Job gemacht. Die haben mitten in der Nacht Menschen aus Häusern gerettet, buchstäblich in letzter Sekunde. – Ich war, glaube ich, kurz vor elf zuhause. Hab Nachrichten angemacht, die Kanäle durchgezappt. Da redet gar keiner von, hier ist gar nichts. Das ist doch…. Das war für mich nicht verständlich. – Dass irgendwann Informations- beschaffung schwieriger wurde. Sie hatten irgendwann keine Pegelstände mehr. Sie hatten irgendwann keinen Mobilfunk mehr. Und keinen Digitalfunk mehr, weil es die entsprechenden Sendemasten. Und irgendwann war die Situation dann so, dass jede einzelne Feuerwehr, jeder Mensch im Gebiet ums Überleben gekämpft hat. – Ich bereue das gerade, dass ich die Sachen hochgeräumt habe und nicht einfach auf den Weinberg geklettert bin. What the fuck? – Dieses schlechte Wetter, diese Wolken und dieses Unwetter stand fest über dem Ahrtal. Wir sind nach Hause geflogen, kommen über unsere Höhe hier in das Tal von Koblenz und hier war das schönste Wetter in gewisser Weise. Es war alleine für den Normalbürger, der nur 15 Minuten weg ist, gar nicht ersichtlich, wo das Problem ist und dass sowas existent ist. – Die zerstörerische Flut bahnt sich weiter ihren Weg flussabwärts. Von Dernau nach Bad Neuenahr-Ahrweiler sind es rund sechs Kilometer. Der Ort ist geprägt vom Weinanbau, der in der Region auf eine fast 2000 -jährige Tradition zurückblickt. – Viele machen sich Gedanken, ziehe ich aus dem Tal weg, wenn nochmal eine Flut kommt. Da sind wir mit unserem Weinberg sehr stark ortsgebunden. Wir können nicht umziehen, sondern wir sind hier bei unseren Reben. Wir sind geschützt von der Eifel und haben hier viele Sonnenstunden, sodass wir ein perfektes Klima haben für den Weinbau auch hier im Ahrtal. Also die Familie, die ist schon seit Jahrhunderten im Ahrtal ansässig, wirtschaftet auch schon seit mindestens 1555 hier Weinberge, sehr wahrscheinlich noch länger hinaus. Und für uns ist es natürlich Heimat. Tja, liebe Leute, so sieht es im Moment hier in unserem Weinhaus aus, direkt im Marienthal. Wir haben ein bisschen vorgesorgt, noch mit ein paar Sandsäcken abgesperrt die Terrasse. Es ist noch weiter steigender Spiegel gemeldet. Und nur noch ein paar Zentimeter, dann tritt die Ahr auch in Marienthal über. – Peter Kriechel versucht im Weinhaus das Schlimmste abzuwenden. Dann fährt er nach Hause. Sein Garten liegt weit ab der Ahr. Er fühlt sich sicher. – Es war Richtung halb elf, rief der Nachbar an, lieber Peter, ihr habt Wasser im Garten. Und wir hatten die Hühner, also die ganzen Tiere unten im Garten drin. Und dann haben wir mit der Nachbarschaft zusammen probiert, die Tiere zu retten. Also da, wo ich jetzt hier stehe, waren wir bei 3,70 Meter Wasserstand. Das Problem ist, die Hühner sind zu schwer zum Schwimmen. Das Gefieder saugt sich auf mit dem Wasser. Und dann gehen die unter. Die können auch nicht fliegen. Dadurch hatten die ein großes Problem und waren darauf angewiesen, dass da wer kam. Als ich das erste Mal reinging ins Hühnergehege, das Wasser bis zum Knöchel. Und als ich nachher das letzte Huhn hatte, da ging es mir hier bis zum Hals. Dort oben haben wir dann in der Tat auch zwei Hühner wiederbelebt. Das funktioniert sehr gut, wie wir dann festgestellt haben, denn ein Huhn lebt sogar noch. Das ist das Brakelchen, das überlebende Huhn. Das konnten wir wiederbeleben, sozusagen Mund-zu-Schnabel-Beatmung. Und wie man das bei Menschen kennt, haben wir Herzmassage da probiert. Und die lagen, als wenn sie tot gewesen wären und haben dann aber überlebt. – Im Nachhinein erscheint die Erinnerung kurios. – Im Nachgang muss man sich sagen, was hat man da getan? Denn man war sich der Gefahr gar nicht bewusst nachher, sondern man hat gehandelt im Affekt. Denn wenn ich am nächsten Tag mir meinen Garten angeschaut habe, da lagen nachher zwölf Autos und Baumstämme und Häuser. Und alles, was da drin lag. Also ich hätte auch da gut erwischt werden können von Treibgut. Und da kamen wir einen Tag später drauf, als die Autos bergeweise auch bei uns im Garten mitlagen. Ist da jetzt noch einer drin? Und dann bin ich runtergestiegen und habe die Autos da durchsucht am nächsten Tag. Gott sei Dank nichts gefunden. Das waren schon Momente, die man nicht vergessen wird in seinem Leben, die prägend sind. – In Bad Neuenahr-Ahrweiler leben Inka und Ralph Orth und ihre Tochter. – Johanna ist hier in unserem Zuhause groß geworden. Ein richtig schönes Familienleben, was uns schon immer sehr wichtig war. Gerade dieses gemeinsame Essen, dieses Sehen, sich austauschen, erzählen. Ja, es war rundum ja alles so traumhaft, wie man sich das halt eigentlich im Leben wünscht. Ihre Torten wurde schon auch sehr geliebt im Freundeskreis. Wenn jemand Geburtstag hatte, kamen schon sehr frühzeitig Anfragen, ob sie eine Torte halt machen könnte. – Sie war da unheimlich motiviert und hat dann sehr früh angefangen, Dinge zu kreieren, eigene Rezepte zu entwickeln, aber auch kreativ zu sein in der Gestaltung. – Johanna hat immer sehr sauber und ordentlich halt gearbeitet. Das war als kleines Mädchen nicht so unbedingt so, aber sie hat da auf einmal eine Perfektion entwickelt. Das war schon wirklich toll anzusehen und hat uns auch sehr stolz gemacht, dies zu sehen, wie sie sich auch vieles selber beigebracht hat. – Ich bin Johanna Orth, ich bin 21 Jahre alt und ich bin Konditormeister und habe gelernt in Trier und habe dann mit der Svenja zusammen meinen Meister gemacht in Koblenz. – Am 14. Juli sind Johannas Eltern im Urlaub auf Mallorca. Am Abend ruft die Tochter an. – Ja, der letzte Anruf war dann halt um 20.20 Uhr. Sie hatte uns dieses Video geschickt, was sie halt aufgenommen hat. (blecherne Durchsage) Hier spricht ihre Feuerwehr. Es besteht Hochwassergefahr innerhalb der nächsten 24 Stunden. – Wo die Feuerwehr bei ihr durch die Straße fuhr und die Durchsage lautete, bitte halten Sie Fenster und Türen geschlossen, gehen Sie nicht in Tiefgaragen oder in niedrige Gelände. – Das war eindeutig durch die Feuerwehr-Durchsage, war das ja eher eine Beruhigung. Man hat das Gefühl gehabt, okay, die sind alle schon in Bereitschaft, aber am Ende des Tages hat man eher eine beruhigende Meldung rausgegeben, dass man in den Wohnungen, die ja in der Regel ab dem Erdgeschoss liegen, sicher ist. Und deswegen war auch die Stimmung normal. Bis es dann eben gegen 12.30 Uhr nachts diesen Anruf gab von Johanna. Ich war sofort wach und habe das auf Lautsprecher gestellt, dass meine Frau mithören konnte. Und Johanna schrie ganz panisch, es ist dunkel, ich stehe hier bis zum Knie in dem Wasser, ich sehe nichts und ich kriege die Wohnungseingangstür nicht mehr auf. Was heißt hier bis zum Knie in dem Wasser, wo kommt es denn her? Dann sagt sie, oh, ich habe Angst, hier bewegen sich schon die Möbel. Aber dann riss dann die Verbindung ab. Wir kamen nicht mehr durch. – Anrufe gingen ins Nirwana. War kein, gar kein Aufbau mehr. Für uns war klar, es ist eine absolute Notsituation, in der Johanna steckt und wir müssen alles in Bewegung setzen, dass sie aus der Wohnung rauskommt. Den Leiter der Feuerwehr haben wir dann erreicht und der sagt nein, selbst wenn wir wollten, wir könnten hier nicht mehr helfen, weil hier ist ein reißender Fluss, hier kommen Autos vorbeigeschwommen, Öltanks, alles mögliche, hier ist nichts mehr zu machen. An die Wohnung ist nicht heranzukommen. – Die Angst um Johanna lässt sie nicht los. Die Orths nehmen den nächsten Flieger nach Hause. Gegen 22.15 Uhr nimmt ein Polizeihubschrauber mit einer Spezialkamera, diese Videos auf. Standbilder davon gelangen über die Dienststelle an das Innenministerium. – Mein Eindruck war bis zum Schluss, die haben die Dramatik der Lage in der Flutnacht, in dieser Nacht vom 14. auf den 15. Juli, wirklich nicht erkannt. – Ich glaube, unabhängig von Fehlern, die man machen kann in einer solchen Lagebewältigung, geht es immer darum, dass man handelt. Und genau das haben viele Menschen vom Landrat über den ADD-Präsidenten, über einen Staatssekretär, über die Minister nicht getan. Bis hin zur Ministerpräsidentin, bis zur damaligen. Sie haben nicht gehandelt. – Dabei hatten sie alle Informationen. Und ich weiß auch nicht, wie man so etwas nicht sehen kann. – Menschen handeln manchmal unzulänglich. Und sie können versuchen, sich so gut wie möglich aufzustellen. Aber es ist immer eben auch ein Versuch. Nach bestem Wissen und Gewissen. – Erst um 23.09 Uhr informiert der Landkreis Ahrweiler per Warn-App und SMS über den Katastrophenfall, ordnet eine Evakuierung an. Doch nur 50 Meter zu beiden Seiten der Ahr. Elf Kilometer flussabwärts liegt Sinzig, der letzte Ort vor Mündung des Flusses in den Rhein. Hier ist die Lebenshilfe des Kreises Ahrweiler zu Hause. – Die Lebenshilfe ist eine Selbsthilfevereinigung von Eltern, die Kinder mit Behinderungen haben, die in der Anfangsphase sichern wollten, dass auch die Kinder, wenn die Eltern mal tot sind, auch versorgt sind. Es ist eine sehr familiäre Einrichtung, wo alle sehr miteinander vertraut sind, respektvoll und freundschaftlich zusammenarbeiten. Also die Menschen mit Behinderungen selber, aber auch mit allen Mitarbeitern, Betreuern und so weiter, das ist alles ein tolles Verhältnis. Und dann kam vor fünf Jahren die Flut und hat alles durcheinandergebracht, um es mal vorsichtig auszudrücken. Menschen gehen unterschiedlich damit um. Es wird erstmal verdrängt von vielen, aber es kommt bei allen irgendwann mehr oder weniger intensiv hoch. Aber das dauert, ne? Es kommt immer wieder hoch, ne? – Ja. – Jetzt gerade, immer, wenn Jahrestag ist, dann denkt man intensiv daran. – Ja. Ja, dass zwölf Bewohner hier verstorben sind. – Das Grüne ist neu da, ne? – Ja. – Das war ja vorher nicht grün, ne? – Ne. – Wie findest du die Farbe? – Schön. Ja? – Ja. – Weißt du noch, als die gekommen ist, hast du das mitgekriegt da? – Ne. – Ne, ne? Die Kerzen haben wir Montag hier hingestellt. – Ja. Man wünscht sich … langsam. Die Freunde, die man verloren hat, wünscht man sich am liebsten wieder zurück. – Gut. – Ich spreche nur aus meinem freien Herzen. – Aber die Blumen sind schön, ne? – Ja. – Auch die Sonnenblumen, ne? – Ja. – Mhm. – Ja, mal hat es leicht geregnet, dann hat es wieder feste geregnet, dann hat es wieder leicht geregnet und abends habe ich gesagt, legt sich mit Ruhe ins Bett, weil der Regen hat eh nur geprasselt. Und da habe ich gedacht, da denkst du dir nichts dabei, stehst am nächsten Tag ordentlich auf, so wie immer. Auf einmal hat es an der Tür nachts gekloppt, dock, dock, dock, da kam der André rein und sagte zu mir, hier Andrea, wir müssen raus, raus, raus. Sonst kommen wir nicht mehr rein und nicht mehr raus. (Feuerwehr Durchsage) Achtung, Achtung, hier spricht Ihre Feuerwehr. – Ja, da war das mit dem Hochwasser. (Feuerwehr Durchsage) Wir erwarten im Bereich der Ahr ein sehr schweres Ahr-Hochwasser. – Es gab dann um 23.30 Uhr eine Anordnung der Kreisverwaltung, Katastrophenschutz und zwar sollte 50 Meter, rechts und links der Ahr, sollte evakuiert werden. Wir liegen hier aber, wie gesagt, über 200 oder sogar 250 Meter von der Ahr entfernt und es ist völlig klar, wenn früher gewarnt worden wäre, wären die Menschen noch am Leben. Das Wasser muss in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit und auch mit einem wahnsinnigen Druck angestiegen sein, weil auch Wände eingedrückt waren. Wenn man eine Etage höher ging, wäre man im Nachhinein wahrscheinlich mit dem Leben davongekommen. – Zwölf Bewohner ertrinken im Erdgeschoss. Einer kann sich retten. – Der ist einfach nur erst mal aus dem Zimmer irgendwie raus und hat sich dann stundenlang festgehalten. Das hat aber dann lange gedauert, bis er gerettet werden konnte, weil die Feuerwehr konnte bei Höchststand auch nicht ran, sondern die mussten erst warten, bis das Wasser abgesackt war und bis sie ihn mit dem Boot letztendlich holen konnten. – Als ich das gehört hatte, ich war fix und fertig. – Da, wo das Wasser dann zurückgegangen war, war alles zerstört, voll mit Schlamm und … Also das war ja totales Chaos. Im Erdgeschoss war alles verwüstet, es waren sogar Wände quasi eingerissen von den Wassermassen. Alles kaputt. Das war psychologisch eine extreme Belastungssituation. Auch mit den Angehörigen, die natürlich dann gefragt haben und mich auch gefragt haben. Und das Landeskriminalamt, das hatten die dann zentral übernommen und uns gesagt, wir dürfen da nichts sagen. D.h., wir durften den Angehörigen auch nichts sagen. Obwohl eigentlich relativ klar war, welche Leute da betroffen waren. – Wenn ich so zurückdenke, dann macht mich das schon alles fix und fertig traurig. Und dann ist auch irgendwie der ganze Tag im Eimer. – Mit dem ersten Tageslicht des 15. Juli offenbart sich das ganze Ausmaß des Schreckens. – Nach und nach, wie das Wasser weg ging, konnte man eben immer noch mehr von der Zerstörung sehen. Ja, dafür Worte zu finden, ist schwierig. Das übersteigt irgendwie so ein bisschen die Vorstellungskraft. – Es war wirklich ein Zustand, wie man ihn sich überhaupt nicht vorstellen konnte vorher, dass man überhaupt in sowas mal reingerät. Das ganze Ahrtal war nur in Trance. Alle haben nur Sachen auf die Straße geworfen, ihr Leben. – Wie in so einer Trance ist man dann quasi durch den Matsch gestiefelt und hat erst mal so seinen ganzen Hausstand irgendwie gefühlt, aber alle so ringsrum, haben erst mal sortiert, das könnte man vielleicht noch mal und bis man dann doch irgendwann festgestellt hat, ne, alles weg. Ich hab in der Nacht alles verloren, es ist nichts übrig geblieben. – Oliver Grieß überlebt die Nacht der großen Flut. 15 Stunden harrt er aus auf seiner Insel. – Das Wasser ging etwas zurück und man hat mir dann signalisiert, von der Feuerwehr, die auf der anderen Seite gestanden hat, es würde dann demnächst ein Helikopter kommen. So die Rotorblätter und ich soll mich doch gleich ducken und da wusste ich genau, jetzt tut sich gleich was. – Das war an dem Tag der dritte, den wir gerettet haben, den haben wir gesehen, dass er auf einer Schotter-Kiesbank neben so einem abgebrochenen Baum dort gestanden hat, im Bademantel. Man hat den Leute in die Augen geguckt, die haben aufgerissene Pupillen gehabt und manche, die haben nicht damit gerechnet. Leute haben gesagt, ach, wir dachten, wir schaffen es nicht. – Und dann fragte er mich nur beim Angurten, wohin Krankenhaus? Ich sagte, ne Krankenhaus, drüben steht eine Frau mit Hund, da würde ich gerne abgesetzt werden. Dann habe ich zu ihm gesagt, können wir fliegen, dass niemand drunter gucken kann, weil ich habe außer dem Bademantel noch nicht meine Unterhose an. Und dann hat er mich angeguckt und hat gesagt, wenn du sonst keine Probleme hast. – Ich habe gesagt, keine Angst, da unten ist keiner, aber wir fliegen tiefer, dann klappt das. – Das war in dem Moment, ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Aber das war absolut, das war für mich wie so eine Wiedergeburt. – Wie er da gestanden hat, nur mit seinem Bademantel, wo ich gesagt habe, der hat nur das gerettet, was er noch am Leib hat, mehr hat er nicht mehr. – Also ich habe jetzt mit der meinen Pakt abgeschlossen. Sie hat mich quasi jetzt erstmal am Leben gelassen. Und dann, ne, okay. – Auch seine Lebensgefährtin, die Nachbarn und Hunde hatten Glück und konnten sich retten. – Ja, und dann haben wir uns Gummistiefel angezogen. Ja, und dann haben wir da unten alle Straßen halt abgesucht. Alle Krankenhäuser angerufen, weil wir gedacht haben, vielleicht liegt sie irgendwo verletzt. Aber auch da, das war auch alles negativ. Wir sind dann am nächsten Tag wieder hierhin. Immer wieder hat man halt gefragt, ob einer was gesehen hat. Ja, und dann kam abends bei dir schon mal dein erster Anruf. – Ja, das war dann Freitag. Da hat sich herumgesprochen gehabt, dass man in der Tiefgarage unter der Wohnung jemand gefunden hat. Und man aber nicht 100 % wüsste, aber es wäre auf jeden Fall eine Frau gefunden worden. Tag darauf, Samstag, kam dann die offizielle Mitteilung, dass man Johanna gefunden hat. Wir wären am liebsten direkt gestorben. Wir sind dann montags nach Koblenz zu diesem schweren Weg und haben dort Johanna identifiziert. Sie war, als wenn sie schläft. Aber es war leider Johanna. Ab diesem Montagmittag hatte man dann die Gewissheit. – Man muss auch erstmal begreifen und das dauert schon einige Zeit, dass egal, was man macht, man sein altes Leben nicht mehr zurückbekommt. – Da habe ich mehr Erfahrung mit Zucker gemacht. Ja, das ist immer so der… – Der strukturierte Ort. Das kreative Chaos kommt. – Es gibt in Ulm eine Patisserie-Schule. Ja, und dann habe ich direkt ganz viele Kurse gebucht. Wollte alles das, was wir von Johannas Ausbildung gehört hatten. Ich wollte alles lernen. Das hat nicht nur mich sehr viel erfüllt, sondern auch meinen Mann. Der hat sich immer gefreut, wenn ich dann halt zurückkam und hatte schöne Sachen mit dabei. Und in der Zeit haben wir unser Konzept für die Patisserie entwickelt. So haben wir uns wieder zurück in dieses neue Leben gekämpft, was wir eigentlich nicht wollen, aber was wir halt leben müssen. Dass wir das tun, wenn wir in der Patisserie sind, was sie geliebt hat, das weiterzuentwickeln. Das Team besteht aus ganz vielen Herzensmenschen, denen das auch wichtig ist, den Traum von Johanna mitzuleben. – Irgendwo ist ihr Geist noch da. Die Patisserie trägt ihren Namen. Das ist uns sehr wichtig, dass der Name sehr oft fällt. Und dass wir immer über sie sprechen, als sei sie noch da. – Wenn ich ihre Bilder sehe, dann habe ich immer das Gefühl, sie ist trotzdem noch halt um mich. – Wieder neue Rezepte ausprobieren und neue Kompetenzen haben. – Ich hätte gerne gesehen, ob die zwei das geschafft hätten. Am 15. Juli 2021 beginnt eine neue Zeitrechnung im Tal. Auch für die Winzerfamilie Kriechel. – Wir sind mehr als 400 Meter weit weg von der Ahr. Wir waren uns hier in dem Objekt keiner Gefahr bewusst. Eher Meteoriten-Einschlag, aber Hochwasser? Never. Wir kennen ja Hochwasser. Aber in dieser Art und Weise dann nicht. Jetzt kennen wir es. Das, was von Wert ist, liegt im Keller. Das ist der Wein. Ja, Sachen, die über Jahren reifen im Keller. Und das ist alles geflutet worden und nachher zerstört worden. Fässer lagen wild verstreut hier in dem Keller rum. Tanks lagen rum, es war blankes Chaos. Auch hinten der Weinprobierkeller, wo wir unsere Weinproben abhalten, komplett hinüber. Da ging der Vater mit dem Bruder noch abends hin und hat die Stühle auf die Tische gestellt. Alle Winzerkollegen standen auf einmal vor dem Ruin, vor dem Nichts. Es hat alle Keller geflutet. Es hat auch bei uns im Keller die ganzen Fässer geflutet. Wir haben 40.000 Liter Wein verloren in dieser Nacht. Um die 20.000 Flaschen, aber wir hatten noch Flaschen. Wir haben ja erstmal einen Wein, wie man das hier sieht, verschlammt, verschmutzt. Sie waren über Nacht wertlos geworden. Und wir wollten es schaffen, doch irgendwo hin mit diesen Flaschen. Und das im besten Fall noch, dass es zur Unterstützung für uns Winzer hier am Ahrtal wird. Und das haben wir nachher mit Flutwein geschafft. Wir haben Crowdfunding aufgelegt, wo wir 55.000 Unterstützer weltweit hatten, die nachher diese Flaschen gekauft haben. In Paketen, das waren Dreierpakete, Sechserpakete, Einzelflaschen. Das waren wirklich Flaschen von allen Winzern der Ahr, die sich beteiligen wollten und noch konnten. Also wenn sie noch Flaschen hatten. Wir sprechen von 180.000 Flaschen und 4,5 Millionen Euro, welche wir einsammeln konnten nachher und an die Winzer verteilen konnten. Aber ich glaube, was noch viel, viel mehr war als nachher das Geld, was wir haben, das konnte natürlich jeder gebrauchen. Dass wir mit dieser Aktion Hoffnung führen konnten, dass wir unsere Kollegen schaffen konnten für die Ahr. Wir können jetzt wieder aufbauen. Wir haben die Möglichkeit, was andere nicht mehr haben. Dadurch war von Tag zwei an der Fokus nach vorne gerichtet und positiv. Und das ist mir gelungen bisher, das so auch beizubehalten, positiv zu bleiben. – Das Ahrtal nach der großen Flut. Eine Katastrophe, die das ganze Land in den Bann zieht. Wie konnte es dazu kommen? Und wer trägt welche Verantwortung? Im rheinland-pfälzischen Umweltministerium ist man besorgt. – Als Anne Spiegel erstmalig die Nachrichten dann abgerufen hat, da war der erste Gedanke bei ihr, Mensch, ihr müsst mir jetzt im Haus eine Linie vorgeben, ein Skript schreiben. – Wir brauchen ein Narrativ, das wir frühzeitig gewarnt haben. Was natürlich Unsinn war, weil es nicht stattgefunden hat. – Es war eine SMS vorzufinden, in der wir lesen konnten, das Blame Game wird wahrscheinlich sofort losgehen. – Es ist natürlich fatal, wenn Sie so ein Schlachtfeld vorfinden, so eine Krise haben, dass die Verantwortlichen sich nicht im Geist darum drehen, wie man jetzt weitermacht, um der Krise Herr zu werden. Sondern wie man seine eigene Haut rettet und wie man versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. – Und dieses Wegducken vor der Verantwortung zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte politische Landschaft von Rheinland-Pfalz in dieser Flutnacht. – Man sei von den Ereignissen überwältigt worden. – Wir haben unseren Hochwasserschutz umorganisiert. Hier in der Verbandsgemeinde, im Ahrtal insgesamt sind inzwischen 16 Millionen ausgegeben worden, um auf Starkregenereignisse reagieren zu können. Und wir waren eigentlich gut gerüstet. Aber das, was wir jetzt erlebt haben, das hat eine Dimension, die wir noch nirgends erlebt haben. – Mit einer unglaublichen Kraft und Wucht hat die Ahr und ihre Nebenbäche, haben im Grunde genommen Zerstörungen angerichtet, die auch zur Konsequenz hatten, dass die Rettungskräfte vollkommen an ihre Grenzen kamen. – Jürgen Pföhler geht kurz darauf in Ruhestand. Gegen ihn wird später ermittelt. Es wird geprüft, ob eine fahrlässige Tötung durch Unterlassung vorliegen könnte. – Wir sehen bereits jetzt zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass Warnungen und auch Evakuierungen möglicherweise zu spät und wiederum möglicherweise unzureichend angeordnet waren. – Später stellt die Staats- anwaltschaft die Ermittlungen ein. Es sei nicht sicher erwiesen, dass ein anderes Verhalten des Landrats den Tod von Menschen verhindert hätte. – Ob jemand in einer Krise standhaft ist, Haltung bewahrt, führungsstark ist, eine Leuchtturmfunktion für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernimmt, das ist eine Frage des Charakters und der Persönlichkeit. Für die Frage nach der Strafbarkeit spielt das keine Rolle. Im Ahrtal stößt die Einstellung der Ermittlungen auf Unverständnis. – Im privaten Umfeld sich selbst und seine Engsten zu warnen und dann die Bevölkerung im Stich zu lassen, das finde ich schon höchstermaßen unmenschlich. – Diese Schlacht wurde im Vorfeld verloren. Man hat es versäumt, das entsprechende Personalmaterial aufzustellen, aufzubauen. Somit waren die Leute da mehr oder weniger auf sich gestellt mit dem, was sie hatten. – Einfach nicht mehr in Worte zu fassen. – Die Leute hier, die trifft keine Schuld. Die haben das Menschenmögliche und Übermenschliches geleistet, das ist so. Das ist auch im ganzen Ahrtal so gewesen. Man muss das Augenmerk darauf richten, was ist im Bereich des Katastrophenschutzes und der staatlichen Behörden und am Ende in der Politik schiefgelaufen. Das ist die Kernfrage. – Einen perfekten Katastrophenschutz wird es nie geben. Das ist meine feste Überzeugung. Es ist die Katastrophe, eine Katastrophe zeichnet sich eben dadurch aus, dass sie Strukturen überfordert. – Die wichtigste Aufgabe eines Staates ist, die Sicherheit seiner Bürger sicherzustellen. Und genau an dieser Aufgabe ist dieser Staat Rheinland-Pfalz in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli wirklich grandios gescheitert. Dass das Wort Staatsversagen einfach nur gerechtfertigt ist. – Ob das die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sind, ob das Untersuchungs- ausschussergebnisse sind oder eben jetzt auch dieses disziplinarrechtliche Gutachten. Überall steht schriftlich drin, dass gravierende Fehler passiert sind. An vielen Stellen. Und es ist vollkommen unlogisch, dass es der höchste Mann oder Frau im Land nicht für nötig hält, sich bei den Menschen zu entschuldigen. – Ich habe auch schon immer gesagt, lass doch die Leute alle in Ruhe. Man will da jetzt nur irgendeinen Kopf absägen. Wer hätte das denn anders oder besser gemacht in so einer Situation? – Wir werden zur Behebung all dieser Schäden einen langen Atem brauchen. – Das ist, glaube ich, das Einzige, was vielleicht auch die aktuelle Politik uns schuldig nachher ist. Lernt daraus und macht es in Zukunft besser. Und ich sehe es noch nicht, in der Tat, dass daraus gelernt ist. – Für einige der politisch Verantwortlichen hat die Katastrophe Folgen. Die damalige Umweltministerin von Rheinland-Pfalz, Anne Spiegel, und der rheinland-pfälzische Innenminister, Roger Lewentz, treten im darauffolgenden Jahr zurück. Dem ehemaligen Landrat Pföhler droht der Entzug seiner Pensionsansprüche. Dagegen setzt er sich zur Wehr. Für Frauke und Udo Kratz beginnt mit dem Ende der Flut eine schmerzliche Suche. – Wir waren am 15. bei der Polizei in Adenau. Da stand eine Polizistin mit einem Klemmbrett und einem Stift und sagt, wir haben keinen Strom. Also selbst wenn man ihre Tochter gefunden hätte, wir hätten es hier nicht erfahren. Und man konnte uns eben in dieser Nacht keine Auskunft geben. Dann waren nachher zwei nette Polizeibeamte da, die gesagt haben, wir haben eine Person gefunden, sie hat die Feuerwehrjacke K. Kratz an. Wir wollten die Obduktion abwarten, bevor wir Ihnen Bescheid gesagt hätten, weil es hätte immer noch sein können, dass Katharina ihre Feuerwehrjacke jemandem anderen ausgeliehen hätte. Und am nächsten Tag sind sie dann gekommen und haben gesagt, ja, es war Katharina. – Ich bin stolz auf Katharina, ich bin unendlich stolz auf Katharina, aber dafür hätte sie nicht sterben müssen. Das war ich auch vorher. – Ich hab gedacht am Anfang, du schaffst das. Ja, du kriegst das hin. Kann sich keiner vorstellen, was das heißt, ein Kind zu verlieren. – Ich denke, jeder geht mit so einem Verlust anders um. Aber uns hat es eben aus der Bahn geschmissen. – Das hätte es jeden. – Die Ahrtal-Katastrophe kostet 135 Menschen das Leben. Ein Mensch wird immer noch vermisst. – Das Tal ist ja Monate so dunkel. Immer hat man von hier oben in so ein schwarzes Loch geschaut. – Ich muss zum Glück sagen, dass ich keine einzige schlaflose Nacht deswegen hatte. Nicht wie viele andere, die heute noch darunter leiden. – Weil mir da alle Erinnerungen hochkommen und weil man da Angst hat, dass es noch mal kommt. – Dass das unterbewusst irgendwie was macht oder anders gesagt, dass das doch einen nach fünf Jahren immer noch da festhält. – Das sind Narben, nicht nur in der Landschaft, sondern ja auch auf den Seelen der Menschen, die bleiben. – Du hast teilweise da gesessen, hast gedacht, was kannst du machen, dass es wieder so ist wie vorher. Und du weißt genau, du hast keine Chance. Die Geräusche von einem Helikopter, die machen mir leichte Kopfschmerzen. Aber es war halt… man hat mich mit so einem Ding gerettet. – Das ist eine wohl sehr einmalige Aktion gewesen, die weltweit so gar nicht vorgekommen ist, dass ein Team an einem Tag in so kurzer Zeit so viele Menschen, sag ich mal, gerettet hat. – Ich nehme an, zwischen 270 und 300 Personen wurden gerettet von den verschiedenen Organisationen. Das waren doch schon einige. – Deutschlandweit waren Hubschrauber hier im Einsatz. Die Bundeswehr war im Einsatz, die Polizei, die ADAC, alle. – Weil wir von einer Einsatzstelle zur anderen geflogen sind. Nach dem einen kam das nächste. – Ich war die nächsten zehn Wochen nicht zu Hause. Wir sehen es nicht als Heldentat, sondern es ist unser Job, den Leuten zu helfen, egal in welcher Situation. Da versucht man, das Beste rauszuholen, das ist meine Berufung. – Wenn man dort drüber geflogen ist und gesehen hat, wie diese Hilfsbereitschaft im Land gewachsen ist und entstanden ist, da kriege ich gefühlt direkt Gänsehaut. – Heldentum ist das, was viele andere da unten mitgemacht haben, die privat dahin gegangen sind zum Helfen. Egal in welcher Form. Das ist ein Heldentum. – Als das losging mit dem Abriss von meinem Haus, da haben viele Leute mit angepackt, ich weiß nicht, wo die herkamen. Die Jungs werden von mir morgen richtig gut versorgt mit Bier und Mettbrötchen. Das konnte man hinterher nicht mehr registrieren. Wir hatten dieses Helfer-Shuttle und sowas da. Dann kamen auf einmal Leute, noch und nöcher. – Das Helfer-Shuttle. Man konnte außerhalb des Tals parken und wurde mit Shuttle-Bussen runtergebracht. Und das war super toll. Das waren Sachen, die geholfen wurden. Durch Kraft, Manpower, die Helfer, die kamen. Und durch Spenden auch dann wie Lebensmittel. – Hier kamen Hilfsachen runter. Getränke, Essen, alles von… Schuhe, Anziehsachen, alles, was wir am Anfang brauchten. Das kam alles von euch. Von Leuten, die sich gedacht haben, wir müssen helfen. – Auch wenn man sich im Alltagsleben gerne streitet, aber ich glaube, wenn es ums Leben geht und wirkliche existenzielle Bedrohungen, halten die Menschen doch zusammen. – Und da war es egal, welche Partei, welche Hautfarbe. Das war alles komplett egal. Man war einfach füreinander da. Und es hat jeder einfach mitgeholfen. Jeder so nach seinen Kräften, wie er konnte. Und das, fand ich, war wirklich das Schönste, wenn man es sagen kann, in diesem Katastrophenfall. – Entlang der Ahr werden eiserne Stelen errichtet. Sie sollen erinnern und mahnen. – Wir tun alles in unserer Macht Stehende, damit wir die Folgen eines solchen schrecklichen Ereignisses künftig abmildern werden. – Die Menschen aus dem Tal wollen trauern, aber auch nach vorne schauen und wieder Vertrauen finden. Die Landesregierung will dabei helfen. – Guten Abend, meine Damen und Herren. Der heutige Tag ist ein schwerer Tag für die Region, für die Menschen der Region. Aber lassen Sie mich sagen, meine Damen und Herren, das gilt für ganz Rheinland-Pfalz. – Und ich denke in dieser Stunde vor allem an die Menschen, die heute nicht hier sein können oder wollen und für die wir doch auch mitbeten und mitzweifeln. Und deshalb gedenken wir der 135 Menschen, die in dieser Nacht gestorben sind und all derer, die Verletzungen an Leib und Seele davongetragen haben. – Nicht alles wird wieder gut werden, aber dass es einen Zusammenhalt gibt und dass man zusammen stark sein kann und auch so eine Krise oder Katastrophe bewältigen kann. Und dass es nie vergessen wird. – Ab jetzt noch zehn Jahre, bis wir da wieder so an einem Punkt sind ansatzweise wie an dem Tag vor der Flut. – Ich weiß nicht, ob es irgendwann nochmal anders wird oder besser wird. Und trotzdem ist es unsere Heimat. Und es wird es auch bleiben. – Auch dieser Mut, einfach durchzuatmen und weiterzumachen, das zeichnet den Menschen hier auch aus. Sonst wären nicht so viele immer noch da oder wieder zurückgekehrt. – Wir werden uns dieser Naturgewalt entgegenstemmen, kurzfristig, aber eben auch mittel- und langfristig durch eine Politik, die eben die Natur und das Klima mehr in Betracht zieht, als wir in den letzten Jahren gemacht haben. Auch das wird notwendig sein. – Ruht euch nicht zu sehr aus auf diesem "Wir hatten das jetzt '21". Was wäre denn, wenn es so kommt wie jetzt? Oder vielleicht auch nochmal höher? Lass uns doch mal so denken. – Es geht um die ganzen Menschen in Zukunft. Und wenn tatsächlich all diese Klimaforscher recht behalten, dass es eben künftig häufiger zu solchen Naturkatastrophen kommt, dass die Menschen sich damit ernsthaft beschäftigen, auseinandersetzen und die Menschen schützen. Weil das ist das höchste Gut, was wir haben, Menschen zu schützen. * ruhige Musik *
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| Titel | Ahrtal 2021 – Die Flut, die Leben zerstörte | Terra X |
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| Hinzugefügt | 2026-07-18 01:02:35 |
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